Erstellt am 7. Juni 2016

Kunsthistorisches Museum: Gemeinsam anders sehen

Besonders herausfordernd ist in der Kunstvermittlung für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen die zweidimensionale Kunst. 2010 hat das Kunsthistorische Museum Wien unter der Leitung von Rotraut Krall in Zusammenarbeit mit Andreas Reichinger, Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung (VRVis), drei Renaissancegemälde in einem extra dafür entwickelten Verfahren in tastbare Objekte umgesetzt, die seitdem zum fixen Bestandteil der Gemäldegalerie gehören und von sehenden und sehbeeinträchtigten Besucherinnen und Besuchern gleichermaßen gerne angenommen werden.

Mit der Publikation „Gemeinsam anders sehen – Das etwas andere Museumsbuch für Sehende und Menschen mit Sehbeeinträchtigung“ konnte Rotraut Krall das Angebot der Kunstbetrachtung im Kunsthistorischen Museum wesentlich erweitern. Das Buch ist in einer Weise konzipiert, dass alle Altersstufen, egal welchen Sehvermögens, die Kunst der Alten Meister mit allen Sinnen allein oder im Dialog mit anderen erleben können.

Die Entwicklung und Umsetzung der barrierefreien, taktilen Elemente des inklusiven Museumsbuches wurde von prenn_punkt buero fuer kommunikation und gestaltung in enger Kooperation mit dem KHM und der Focusgroup übernommen – eine Selbstverständlichkeit im Bereich der Entwicklung universellen Designs, Angebote niemals FÜR die Zielgruppe, sondern immer gemeinsam MIT dieser zu konzipieren. Denn grundsätzlich gilt: Standardlösungen gibt es keine, wohl aber Standards für barrierefreies Design! Die vier besprochenen Gemälde (Giuseppe Arcimboldos Sommer, Diego Velázquez´ Infantin in rosarotem Gewand (siehe Beitragsbild), Pieter Bruegels Heimkehr der Jäger, Peter Paul Rubens´ Haupt der Medusa) repräsentieren vier unterschiedliche Bildgattungen, wobei deren Auswahl nach Kriterien des Bekanntheitsgrades und des zu vermittelnden Inhalts erfolgte und dabei auch jüngere Besucher/innen des Museums berücksichtigt wurden.
Bei der Konzeption der barrierefreien inhaltlichen Zugänglichkeit wurde besonderes Augenmerk auf einen gleichwertigen Informationszugang für alle Menschen gelegt. Zur praktischen Handhabung des Buches markiert ein haptisch ansprechendes Zwischenblatt den jeweiligen Kapitelanfang. Zu Beginn findet der Leser eine farblich in verstärkten Kontrasten wiedergegebene Gesamtabbildung des jeweiligen Gemäldes. Diese erleichtert Menschen mit eingeschränkter Farbwahrnehmung das Erkennen der Darstellung. Darüber liegt eine taktile Transparentfolie, die das Erfassen der Bildkomposition unterstützt, um die Inhalte sinnstiftend erfahrbar zu machen.
Durch die Überlagerung der farbigen Abbildung des ausgewählten Gemäldes mit der transparenten taktilen Folie erkennen sehende, blinde und sehbeeinträchtigte Menschen – mit Augen oder Händen – dasselbe. Die Wahrnehmung durch Nicht-Sehbeeinträchtigte ist dabei in keiner Weise gestört. Im Gegenteil.
Nach der Abbildung folgt die Kurzbildbeschreibung in gut lesbarer, großer Schwarzschrift, danach eine Detailansicht des Gemäldes. Die taktilen Linien sind optimal tastbar und erlauben ein schnelles Verfolgen der einzelnen Bilddetails. Zudem bieten die unterschiedlichen Linienstärken eine Hilfestellung zur Erfassung von Tiefenräumlichkeit.
Zuletzt folgt der zuvor erwähnte Schwarzschrifttext in Braille. Diese Buchseiten sind etwas kleiner als die anderen, damit ein des Brailles kundiger Leser rasch die spezielle Aufbereitung des Textes finden kann.

Aber auch das perfekteste Tastbild kann noch an Lebendigkeit gewinnen. Deshalb liegen dem inklusiven Museumsbuch auch zwei CDs mit auditiven Beschreibungen bei. Die eine der Audiodateien ist in klassischem Format aufgenommen, die andere im Daisy Format, das sehbeeinträchtigten Menschen das Handhaben des Textes erleichtert. Sie bieten eine ausführlichere Bildbeschreibung, knappe Künstlerbiografien und vertiefende Informationen zum Bauwerk und der Geschichte der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums.

In diesem Sinn erfüllt die Publikation den Anspruch der Inklusion. Sie spricht nicht nur alle Sinne an, sondern erfüllt im optisch eleganten und zugleich praktischen Layout die Bedürfnisse der sehenden, schwach sehenden und nicht sehenden Menschen.

Rotraut Krall, KHM-Museumsverband, Wien
Doris Prenn, prenn_punkt. buero fuer kommunikation & gestaltung, Alkoven


Fotos: prenn_punkt (1, 2), KHM-Verband (3, Teaserbild)

 

TeilenTweet about this on TwitterEmail to someoneShare on Facebook