Erstellt am 7. Juni 2016

Museum gehört auch zu Integration, aber das muss man eben auch wollen

Sham (31) ist im Nordirak/Kurdistan geboren und seit ihrem dritten Lebensjahr in Österreich.


JS: Sham, was stellst du dir unter dem Begriff Museum und Migration vor?

Sham: Ich stelle mir Ausstellungen vor, in der verschiedene Kulturen dargestellt werden. So etwas wie „Orient meets Okzident“. Ausstellungen, in der zwei Seiten, zwei Perspektiven dargestellt sind, die aber auch Ähnlichkeiten haben … Oder vielleicht auch irgendwie, dass Menschen zusammen kommen, etwas das multikulturell ist. So würde ich Museum und Migration interpretieren

JS: Welche Bedeutung hat für dich das Wort Migration?

Sham: Es bedeutet für mich, dass es Menschen gibt, die in zwei Kulturen leben. Für mich ist es deshalb auch oft ein Migrationvordergrund und nicht ein Migrationshintergrund, aus dem Grund, weil man jeden Tag damit konfrontiert ist. Es ist etwas, was ich jeden Tag merke und spüre, zum Beispiel wenn ich höre, dass Menschen zu einander sagen: hörst du, sie kann sogar Deutsch reden. Das zeigt eben jeden Tag: Du bist keine typische Europäerin. Ich versuche das dann abzuschalten, weil sonst halte ich das irgendwann nicht mehr aus. Migration bedeutet für mich aber trotzdem auch, dass man sich nicht immer das Beste aus allem raus suchen kann.

JS: Besuchst du denn auch ab und zu Museen?

Sham: Ich gehe generell schon ins Museum, wenn es gratis ist (lacht). Ich bin nicht immer eine aktive Museumsgeherin, aber wenn dann etwas ist, das passt, dann gehe ich auch. Natürlich kommt es auch aufs Thema an. Ich schaue mir gerne Kunst an, aber kein Minimalismus! Ich finde, Museum ist ein schöner Ort, weil ich denke, da kommen Menschen zusammen, die dasselbe Interesse haben.

JS: Glaubst du, es gibt Dinge, die dich aufgrund deiner Herkunft besonders interessieren oder welche, die dich gerade deswegen nicht besonders interessieren?

Sham: Ja, das gibt es schon. Zum Beispiel alles was mit dem Orient zu tun hat, interessiert mich extrem, Schmuck, Teppiche, ach einfach alles. Da merke ich einfach, dass ich zu Hause bin, da spüre ich Heimatgefühle.
Was ich nicht mag, sind zu sexistische Sachen. Da fühle ich mich nicht wohl, wenn es zu viele Nackte gibt, so pornografische Dinge. Weil es ungewohnt ist und vermutlich schon, weil ich das aus der Sicht meiner Kultur sehe. Ich weiß, dass es normal ist, aber ich muss mir das nicht zwei Stunden anschauen. Vor allem fühle ich mich dann unwohl, weil noch andere Menschen da sind. Und was mich auch nicht interessiert, sind Objekte ohne Erklärung, das finde ich langweilig, hat aber sicher nichts mit meiner Herkunftskultur zu tun.

JS: Warum gehst Du nicht öfter ins Museum?

Sham: In erste Linie vor allem wegen des Geldes. Es sollte mehr Gratis-Eintritt geben, ich glaube, dadurch öffnen sich Türen für Menschen, die nicht so leicht einen Zugang zum Museum haben. Ich denke, es wäre gut: Sie würden ganz andere Dinge sehen und andere Seiten an sich entdecken.

JS: Wenn du an deine Freunde, deine Familie denkst. Glaubst du, es gibt einen Zusammenhang zwischen: „Ich bin Migrant/in“ und „Ich gehe nicht ins Museum“?

Sham: Also ich muss schon sagen, wenn ich ins Museum gehe und mich dort umschaue, dann habe ich dort noch keine Frau mit Kopftuch gesehen. Auch die letzte Zeit, in der ich im Museum als Aufsicht gearbeitet habe, ist mir keine aufgefallen. Ich habe niemanden aus meiner Nachbarschaft getroffen. Ich glaube schon, dass Migrantinnen und Migranten anders leben, viele sind in einer anderen Welt, obwohl sie in Österreich sind. Museum gehört auch zu Integration, aber das muss man eben auch wollen. Ich denke, Museum ist aus ihrer Perspektive eben eher für Menschen, die gebildet sind und da erkennen sie sich eben nicht wieder.
Meine Eltern zum Beispiel: Ich bin nie mit ihnen ins Museum gegangen. Sie glauben, sie passen dort nicht hin. Ja, da sehe ich schon einen Unterschied.

JS: Glaubst du, das kann man irgendwie ändern?

Sham: Ich schlage erst mal vor, dass man gratis hineinkommt und dass mehr Themen vertreten sind, die lebensnaher sind, näher am Leben aller. Schau, du gehst ja hin, weil du das Gefühl hast, das passt zu mir, vielleicht treffe ich da Leute, die ähnliche Interessen haben, vielleicht ergibt sich ein gutes Gespräch. Aber wenn ich dazu keinen Bezug habe … was soll ich dann da?


Foto: Sham

 

TeilenTweet about this on TwitterEmail to someoneShare on Facebook