Erstellt am 28. April 2016

Zeit für das Museum ist Extra-Zeit. Es ist Luxus oder es ist etwas, was reiche Menschen machen.

Ayfer, 37 ist in Bulgarien geboren, lebte auch in der Türkei und ist seit 2008 in Österreich.
Julis Starke hat sie zum Interview gebeten.


 JS: Was denkst du, was könnten Gründe sein, warum Migrantinnen und Migranten nicht ins Museum gehen?

Ayfer: Ich finde, dass die Preise für Museen zu teuer sind für Migrantinnen und Migranten. Ich denke deswegen besuchen Migrant/innen das Museum vermutlich nicht so oft. An erster Stelle kommt das Essen: die Menschen versuchen, sich zu ernähren, wenn sie dann Geld übrig haben, dann gehen sie vielleicht ins Museum. Ich weiß auch, dass es die Aktion Hunger auf Kunst und Kultur auch für Migrantinnen und Migranten, damit sie günstiger das Museum besuchen können. Ich glaube, diese Menschen besuchen das Museum öfter als die anderen. Das erzählen mir Eltern meiner Schüler öfter. Wenn Museen günstiger sind, gehen sie schon eher. Menschen denken an Arbeit, an ihre Familie, Zeit für das Museum ist Extra-Zeit. Es ist Luxus oder es ist etwas, was reiche Menschen machen.

JS: Gehst du gerne ins Museum?

Ayfer: Gerne schon, aber ehrlich gesagt, auch nicht so oft, die Arbeitszeit, es kostet so viel, … ich kann mir das nicht jeden Monat leisten in ein bis zwei Museen zu gehen. Aber sonst interessiere ich mich, auch weil ich selber male und ich mag Kunst sehr gerne. Aber es ist ja auch nicht jede Ausstellung wunderbar. Ich erinnere mich an eine Ausstellung, in der alle Menschen nackt gezeigt wurden, auch die Plakate auf der Straße – und das passt nicht für alle. In Europa vielleicht schon, aber für Menschen die einen islamischen Migrationshintergrund haben, für die passt das nicht gut.

JS: Was bedeutet Migration für dich?

Ayver: Es ist das Wort „Ausländer“, das in Österreich öfter verwendet wird. Nicht das Wort „Migrant“. Ich bin also so eine Ausländerin. Österreich ist das dritte Land, in dem ich lebe. Ich bin in Bulgarien geboren, habe in der Türkei gelebt und dann bin ich nach Österreich gekommen. Das ist meine dritte Heimat. Ich fühle mich gut hier, habe hier studiert, arbeite hier, mein Mann ist mit mir hier. Aber das ist nicht für alle so. Es gibt viele Menschen, die glauben, sie sind Migranten hier und werden in ihre Heimat zurück gehen. Viele fühlen sich wohl und sehen Österreich als ihre Heimat, aber nicht alle.

JS: Glaubst du es gibt bestimmte Gründe für Migrantinnen und Migranten ins Museum zu gehen?

Ayfer: Ich denke das ist von Familie zu Familie unterschiedlich. Wenn es jemanden in der Familie gibt, der sich für Kunst interessiert, dann interessieren sich die Kinder auch eher. Oder das Interesse der Kinder wird in der Schule entwickelt, wenn sie ins Museum gehen. Oder auch der Deutschkurs kann ein Grund sein, das Museum kennen zu lernen und später noch mal zu gehen.
Statt ins Museum zu gehen, bewegen sich Kinder ja auch gerne – laufen, spielen Fussball. Das Museum bleibt bei Freizeitangeboten gedanklich oft entfernt. Für eine Familie ist es nicht günstig ins Museum zu gehen. Eltern leisten sich das auch nicht so gerne.

JS: Wenn du dir ein Ausstellungsthema wünschen würdest, was würde es sein?

Avfer: Wenn es Ausstellungen gäbe, die Menschen an ihre Heimat erinnern. Eine Fotoausstellung zum Beispiel über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien: wenn Eltern dort mit ihren Kindern hingehen und ihnen vermitteln können, in welcher Lage sie waren, bevor sie nach Österreich gekommen sind, dann ist das sicher spannend. Ich glaube, die Erwartung vieler Migrantinnen und Migranten ist schon auch, wenn sie ins Museum gehen, dass es dann etwas mit ihnen zu tun haben muss. Das wäre doch spannend! Wenn es im Museum etwas gäbe, was Menschen verbindet, etwas Multikulturelles, das wäre super. Wenn es Gründe gibt in Museum zu gehen, etwas was zu den jeweiligen Besuchern gehört, in den Alltag eingreift. Etwas, was nicht nur für die Eliteklasse ist. Museum ist nicht für alle und für jeden.


Foto: Julia Starke

 

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