Erstellt am 21. April 2016

NEUE NACHBARIN im LENTOS Kunstmuseum Linz

Seit Oktober 2015 stellt sich das LENTOS Kunstmuseum Linz der spannenden Herausforderung, seine Türen für Menschen, die ihre Heimat verloren haben, zu öffnen.

Mit dem Format „Neue Nachbarn“ wurde ein offenes Vermittlungsangebot geschaffen – für alte und neue Nachbarinnen und Nachbarn, Flüchtlinge und Österreicher/innen, Kinder und Erwachsene. Begegnungen mit Führungen, Kunstbetrachtung, Kinderbetreuung, gemeinsamem Malen, Kaffee und Kuchen finden jeweils am ersten Samstag im Monat von 14.00 bis 16.00 Uhr im Donauatelier des LENTOS statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Kooperationspartner des Projektes, für das bereits bis Dezember 2016 Termine fixiert wurden, sind die RegionalCaritas und die CaritasFlüchtlingshilfe. Neben der in Migrationsfragen erfahrenen Projektkoordinatorin Galia Baeva und dem Team der LENTOS Kunstvermittlung wird „Neue Nachbarn“ auch durch die Mitarbeit von Ehrenamtlichen ermöglicht. Sie begleiten die Flüchtlinge bei der Fahrt ins Museum, engagieren sich als Übersetzer/innen oder stellen Kuchen für die Kaffeetafel zur Verfügung.

Die Vorarbeiten für „Neue Nachbarn“ begannen bereits im Sommer 2015: Um ein Zeichen für Willkommenskultur zu setzen, entwickelte die Leitung der Kunstvermittlung, Dunja Schneider, ein Format für Schutzsuchende. Es wurden Flüchtlingshäuser in Linz besucht, erste Kontakte geknüpft und schließlich das Projekt mit Plakaten, via Facebook, Website und Drucksorten des LENTOS beworben. Schwarz-Weiß-Fotografien des Linzer Fotografen Tom Son, die Menschen auf der Flucht in Linz, Wien, Traiskirchen und Budapest zeigen, wurden nach einem Konzept von Stella Rollig bis Jänner 2016 in die Ausstellung „Die Sammlung“ integriert.
Von Beginn an war deutlich, dass „Neue Nachbarn“ ein dynamisches, prozessorientiertes Projekt ist und durch Reflexionsrunden der Beteiligten immer wieder neue Ideen und Anpassungen umgesetzt werden können. Eine der großen Herausforderungen war etwa die große Anzahl an Teilnehmer/innen, sodass eine Begrenzung auf jeweils 30 Personen − mit verbindlicher Anmeldung − vereinbart wurde.
Im Vordergrund stehen immer die unterschiedlichen Bedürfnisse der Teilnehmer/innen. Das Knüpfen neuer sozialer Kontakte, besonders mit den „alten Nachbarn“, und die Verbesserung der Deutschkenntnisse werden von vielen als positiv empfunden. Im LENTOS ist es für sie möglich, dem Alltag im Flüchtlingsheim etwas entgegenzusetzen: die große Bereicherung, die der kulturelle Austausch für Asylwerber/innen mit sich bringt. Dies gilt für die Kunstvermittler/innen ebenso. Bei Führungen in der LENTOS Sammlung oder zu den aktuellen Ausstellungen werden in Kleingruppen Bilder zur gemeinsamen Betrachtung ausgewählt und im Gespräch Brücken zwischen der arabischen, tschetschenischen und der mitteleuropäischen Kultur geschlagen. Familien nehmen das Angebot des kreativen Gestaltens für Kinder gerne an, manche auch mit gemischten Gefühlen, da Kinderbetreuung in ihrer Heimat aufgrund des Krieges derzeit undenkbar ist. Manche „neue“ Nachbarn kommen wiederholt zu den Terminen: Für sie werden dann Möglichkeiten geschaffen, sich und ihre Fähigkeiten − zum Beispiel mit Übersetzungen von Wortkarten in ihre Muttersprachen − sinnvoll in das Projekt einzubringen.
Einen positiven Impuls für ihre Zukunft in Österreich konnte eine der beteiligten ehrenamtlichen Dolmetscher/innen mit der Ausstellung eines Tätigkeitsnachweises erhalten.

Eine mehrfach geäußerte Anregung vieler Asylwerber/innen, nämlich möglichst viel über die Stadt Linz erfahren zu wollen, konnte bereits in ein Folgeprojekt einfließen: Auch das NORDICO Stadtmuseum Linz öffnet seine Türen für Migrantinnen und Migranten. Im NORDCIO werden im Rahmen der Ausstellung „KLICK! Linzer Fotografie der Zwischenkriegszeit“ ab Mai 2016 Führungen für „junge Neue Nachbarn“, die bereits Deutschkenntnisse haben, angeboten. Kooperationspartner von „Mapping Linz“ sind die RegionalCaritas sowie die Caritas Flüchtlingshilfe. Im Mittelpunkt des neuen Vermittlungsformats im NORDICO stehen das Kennenlernen der Stadt, ihrer Geschichte und das gemeinsame Erstellen eines Stadtplans, auf dem die TeilnehmerInnen Orte, Plätze und Gebäude eintragen können, die für sie wichtig sind.

Das Projekt wurde auch seitens der Stadt Linz als bedeutender Beitrag zur Integrationsarbeit gewürdigt: Im April 2016 erhielt das LENTOS Kunstmuseum Linz für „Neue Nachbarn“ den „Preis für Interkulturalität“.

Korinna Kohout, Kunstvermittlerin


Fotos: LENTOS Kunstmuseum Linz

 

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