Erstellt am 10. April 2016

Sag mir nicht, was ich haben will, sondern frag mich!

Jelena, 23, ist Austroserbin. Julia Starke hat sie zum Interview gebeten.



JS: Wenn du Museum und Migration hörst, woran denkst du dann?

Jelena: Die erste Assoziation ist für mich: eine Ausstellung über Migration in der Migrationsströme in Form von Kunst dargestellt werden.


JS: Migration, was genau bedeutet das für dich?

Jelena: Migrationshintergrund, das nenne ich auch gerne Mutationshintergrund. Es bedeutet für mich eigentlich nicht wirklich etwas, ich bin nicht „migriert“. Ich bin hier geboren, meine Großeltern sind migriert. Klar, weit entfernt bedeutet es schon etwas, aber meine Großeltern, mein Vater – sie sind diejenigen, die migriert sind. Es ist so, wenn man in Amerika ein Amerikaner mit polnischen Migrationshintergrund bist, dann ist man ein „polish-american“, aber hier ist man entweder ein echter Österreicher oder man ist es nicht.
Ich verstehe das nicht. Ich bin hier geboren und natürlich fühle ich mich der österreichischen Kultur nahe, ich lebe hier, mein Lebensmittelpunkt ist hier. Aber als Mensch, dessen einzelnen Vorfahren Serben sind, kann ich nicht sagen: Ich bin keine Serbin. Also bin ich österreichische Serbin, serbische Österreicherin, Austroserbin.


JS: Was ist das Museum für ein Ort für Dich?

Jelena: Es ist ein Ort für mich, der irrsinnig langweilig sein kann, aber auch wahnsinnig leuchtende Gefühle hervorruft. Dieser Effekt, wenn man vor einem Bild steht und sich eine Welt eröffnet und man alles mögliche spürt, wenn man atemberaubende Kunst sieht …
Mittlerweile gehe ich aber meistens nur noch arbeitsbedingt ins Museum.
Irrsinnig gerne dagegen gehe ich in Belgrad ins Museum. Weil sie dort ganz ganz tolle Museen haben und weil ich dort Freizeit habe. Für mich ist ins Museum gehen, eben ein „Freizeit-ding“, dort gehe ich hin, weil ich möchte.


JS: Du hast gesagt, du gehst gerne im Urlaub ins Museum, zum Beispiel, wenn du in Belgrad bist. Liegt für dich der Reiz im Fremden?

Jelena: Ja! Am liebsten mag ich das Belgrader Stadtmuseum. Das ist eine Location, die ganz anders ist als hier unsere prunkvollen Museen. Ich glaube, früher war es eine Kaserne, jetzt ist es umfunktioniert in ein Museum. Bei uns hier bedeutet Museum ein schönes Ambiente und das ist dort nicht so. Es ist eben nicht schön, es ist einfach nur cool.


JS: Was glaubst du, was passieren wenn dieses Museum aus Belgrad nach Österreich migrieren würde?

Jelena: Ich glaube, die Menschen würden es lieben, weil es ganz anders ist als die Museen in Wien und ganz anders als man es sonst von einem Museum erwartet.


JS: Was erwarten wir denn von einem Museum?
Jelena: Ich habe das Gefühl, dass die meisten Menschen Museum mit etwas Prunkvollem und Schönen verbinden, obwohl das ja nicht immer der Fall ist. Aber die meisten Museumsgebäude sind eben doch sehr groß und eindrucksvoll, schön eindrucksvoll. Das Museum in Belgrad ist auch eindrucksvoll, aber eben auf einer ganz anderen Ebene.


JS: Du befasst dich ja jetzt als Kulturredakteurin beruflich mit dem Thema „Migration und Museum“ und beschäftigst dich dadurch auch viel mit der Frage, warum Menschen mit Migrationshintergrund nicht ins Museum gehen. Was glaubst du hat das für Gründe?

Jelena: Es ist natürlich so: DIE Migranten an sich gibt es einfach nicht. Es gibt auch in der migrantischen Community Menschen die gerne ins Museum gehen und welche die nicht gehen.
Warum sie meiner Meinung nach weniger ins Museum gehen, ist der Faktor, der sich soziale Schicht nennt. Ich meine, wenn du im Gemeindebau aufgewachsen bist und keinen Bezug zum Museum hast, dann kommt dir nicht die Frage, ob du ins Museum gehen solltest?
Als Problematisch sehe ich es auch, dass hier in Wien alle Museen im ersten Bezirk konzentriert sind. Es gibt im 10. Bezirk kein Museum. Du müsstest dich aufraffen und einen Weg zurück legen, um ins Museum gehen. Wenn kein Museum in der Nähe ist, könntest du im 10. Bezirk aufwachsen und nie ein Museum gesehen haben.
Natürlich sind das nur meine Gedanken und Eindrücke, aber mir kommt es manchmal schon so vor, als ob Kunst reserviert ist für eine gewisse Schicht von sehr gebildeten und reichen Leuten. Und du, der du nicht in dieser Schicht aufgewachsen bist, denkst dann leicht, dass du dort nicht hingehörst. Oder du denkst, dann du gehörst nicht in diese Welt, weil du bisher nichts damit zu tun hattest. Das gehört zwar alles zusammen: Aber wenn du Bauarbeiter bist, du arbeitest 12 Stunden und du kommst abends nach hause, legst die Füße hoch, dann ist der Gedanke, ins Museum zu gehen ein bisschen lächerlich für dich. Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben einfach andere Prioritäten. Da ist dann ins Museum gehen entweder ganz unten oder gar nicht auf der Liste.


JS: Kannst du dir vorstellen, wenn das Museum nicht nur von Belgrad aus Wien migriert, sondern auch vom 1. Bezirk in den 10. Bezirk, dass es dann Möglichkeiten der Teilhabe, des Einbezogen-Seins gibt?

Jelena: Naja es gibt jetzt Aktionen im 10. Bezirk und ich war davon ganz begeistert. Für mich war das großartig, aber die Frage ist schon, ob dann wirklich die Leute hingehen, die dort wohnen? Natürlich kannst du Menschen zu Kunst bewegen und die Hemmschwelle niedriger werden lassen, aber das Interesse muss erst einmal geschaffen werden. Du kannst jemanden ein Museum vor die Nase stellen, aber wenn es sie nicht interessiert, dann ist es schwierig. Es müsste ein Angebot geschaffen werden, dass die Leute interessiert und sie denken lässt: „Hey, das ist gar nicht mal so schlecht“ und dann geht es weiter. Aber nur weil das jetzt zum Beispiel im 10. Bezirk ist, heißt das nicht das es automatisch funktioniert.


JS: Glaubst du, es gibt eine Form der Vermittlung, die mehr Menschen erreichen würde?

Jelena: Ja absolut. Sind wir ehrlich, diese Texte in Ausstellungen sind manchmal so langweilig geschrieben, dass sich sogar kunstinteressierte Fragen: was bedeutet das jetzt? Oder Texte, bei denen man sich fragt: Wen interessiert das denn jetzt? Das beginnt schon in den Ankündigungstexten. Die Sprache, die dort oft gewählt wird … ich meine da haben wir in Österreich ohnehin ein Problem, das ist eine viel zu überhebliche Sprache, die in einem bestimmten Kreis verwendet wird. Ich fände es gut, wenn man das ein wenig herunter brechen könnte, in die Gegenwart. Ich denke, man kann jeden Text spannend schreiben und ich finde, da kann man schon vermitteln, vielleicht nicht nur in einer anderen Sprache sondern auch in einem anderen Medium.


JS: Es gibt ja auch Museen, die spezielle Programme anbieten für Menschen mit Migrationshintergrund, glaubst du, dass das sinnvoll ist?

Jelena: Das wurde ich schon öfter gefragt, und es wäre natürlich cool, wenn es eine „Einstiegsausstellung“ gibt. Dann müsstest du das aber für jede einzelne Gruppe machen, dann wird es aber schon wieder schwierig. Was mich mehr freuen würde ist, wenn mehr Künstleraus den Herkunftsländern vertreten wären, in meinem Fall serbische Künstler. Wenn ich das sehe in Wien, einen serbischen Künstler, das gibt mir schon das Gefühl, dass ich hier angekommen bin.
Und obwohl einige Museen sich in diese Richtung bewegen, ist mir schon sehr aufgefallen, dass nie Menschen mit Migrationshinterdrung gefragt werden und ich mich schon manchmal frage, was das soll. „Sag mir nicht, was ich haben will, sondern frag mich!“ Das finde ich wichtig, dass man die Menschen, die es betrifft mitein bezieht, sonst ist es wieder von oben herab.


Foto: Julia Starke

 

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