Erstellt am 1. März 2016

Vom Sehen und Sprechen: Deutsch lernen im Belvedere

Kreative und kommunikative Kompetenzen stärken, Neugierde wecken, Verständnis fördern oder aber auch Denkprozesse anregen: Das sind täglich die wesentlichen Aufgaben in der Kunst- und Kulturvermittlung. Im Zentrum der gängigen Praxis steht dabei in erster Linie das Kunstgespräch, dessen Ziel es ist, mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Sprechen über ausgewählte Objekte zu initiieren. Den Anfang macht meist das, was man sieht. Danach führt der Dialog prozesshaft über Wahrnehmungen, Assoziationen und das bestehende Wissen hin zu einer altersgerecht genau dosierten Information über sachbezogene Inhalte. Die gemeinsame und allen Beteiligten gleichermaßen verständliche Sprache dient im Rahmen dessen als wichtigstes Mittel der Kommunikation.

Diesem Ansatz läuft jedoch die demografische Entwicklung seit Jahren massiv entgegen. Wer heute in ein Klassenzimmer blickt, der trifft dort zumeist auf eine kulturelle, religiöse, ethnische und sprachliche Vielfalt, die uns gedanklich nicht selten einmal rund um den Globus führt. In den Pausen hört man ein buntes Sprachengemisch und schnell wird deutlich, dass die geläufige Methode des Kunstgesprächs längst nicht mehr ausreicht und sogar eine Barriere darstellt, weil viele Lehrkräfte einen Museumsbesuch aufgrund der Mehrsprachigkeit ihrer Schüler/innen überhaupt nicht mehr in Erwägung ziehen. Als Ausweg aus dem Dilemma bildete sich bereits 2009 im Belvedere die Vision heraus, spezielle Vermittlungsprogramme für genau diese heterogenen Gruppen zu entwickeln. Die neuen Programme sollten zum einen auf dem Grundsatz des respektvollen Umgangs mit kulturellen und sprachlichen Unterschieden beruhen, gleichzeitig aber auch die Förderung von Deutschkenntnissen unterstützen, um damit einen kleinen Beitrag für eine Chancengleichheit in Bezug auf die Ausbildung und das künftige Berufsleben zu leisten. Entscheidend geprägt wurden die Vorüberlegungen durch weitere prinzipielle Aspekte. Zunächst sollte die besondere Qualität des Museums als alternativer Lernort bestmöglich genützt werden. In Ergänzung zum Klassenzimmer zeichnet sie sich vor allem durch eine neue und inspirierende Umgebung aus, die bei einem großen Teil von Kindern und Jugendlichen ganz automa- tisch die Aufmerksamkeit erhöht. Darüber hinaus sagen Bilder sprichwörtlich „mehr als tausend Worte“. Sie bewegen tiefer als Sachberichte, regen zum produktiven (Sprach-) Handeln an und ermöglichen vielfältigste Formen von Auseinandersetzung.

Um alle Teilnehmer/innen zu ermutigen, sich ihrem individuellen Sprachstand entsprechend in die Dialoge einzubringen, mussten die Aktionen zweitens so konzipiert werden, dass niemand aufgrund fehlender Deutschkenntnisse ausgeschlossen wurde. Wichtig wurde somit eine klare Struktur des Ablaufs, in der sich auch Kinder und Jugendliche zurechtfin- den, die nicht alle verbalen Anregungen verstehen. Und schließlich ging es um eine multisensorisch angelegte Methodenvielfalt. Denn Lernen gelingt am besten mit allen Sinnen.
Wie aber muss ein Konzept nun konkret beschaffen sein, das dieser Vielzahl von Anforderungen gerecht werden will? Zunächst muss es eine möglichst große Bandbreite an Bildthemen bieten. Es muss multisensorisch-ganzheitliche Aktivitäten beinhalten und last but not least sinnvolle Sprachbausteine integrieren.

Am Anfang steht daher immer eine gezielte Werkauswahl. Der Rundgang führt über Bildstationen, denen Wortschatzgruppen aus dem unmittelbaren kindlichen Erlebnisbereich zugeordnet sind. Da Wortwissen zu einem großen Teil Sachwissen ist, können gerade sie besonders leicht im Gedächtnis verankert werden. Viel „Obst und Gemüse“ lässt sich etwa in Johann Knapps Huldigung an Jacquin finden. Gustav Klimts Kuss hält jede Menge „Farben und Formen“ bereit, und Egon Schieles Umarmung eignet sich ideal, um den „Körper des Menschen und die Welt der Gefühle“ genauer unter die Lupe zu nehmen. Doch beruht die Auswahl nicht nur auf motivischen Gründen. Vielmehr bezieht sie auch die jeweilige kunst- und kulturhistorische Dimension mit ein, wodurch zusätzlich und quasi nebenbei neues Wissen zu bedeutenden Werken öster- reichischer Künstler/innen vermittelt werden kann.

Ein weiteres Merkmal der Programme ist ihr ritualisierter Ablauf. Je nach Alter der jungen Besucher/ innen kreist dieser entweder um den Inhalt einer geheimnisvollen (Wort-)Schatztruhe oder um einen neugierigen Kakadu, der nicht nur Deutsch lernen möchte, sondern auch großes Interesse an den Herkunftssprachen der Kinder zeigt. Zu Beginn eines jeden Moduls werden die Teilnehmer/innen gebeten, sich in einen Polsterkreis zu setzen, in dessen Mitte haptische Materialien entdeckt werden wollen. Jedes Kind wählt einen Gegenstand, sucht sein Pendant im Bild und versucht anschließend ihn zu benennen. Wer die Bezeichnung für seinen Gegenstand nicht kennt, bekommt Unterstützung von den anderen. Es folgen mehrere Bewegungsspiele, die mit regelmäßigen Wortwiederholungen verbunden sind, und zuletzt eine immer gleich bleibende Abschlussaktivität. Durch eben diesen feststehenden Ablauf – Gegenstände angreifen, Begriffe hören und sehen, sie wiederholen und sich dabei bewegen – werden nicht nur alle Lerntypen angesprochen. Er schafft auch Sicherheit und Selbstvertrauen, da die Einzelaktivitäten unabhängig vom jeweiligen Sprachniveau vorhersehbar werden und eine gleichberechtige Teilhabe aller erleichtern. Derselbe ritualisierte Ablauf bestimmt die Programme für die höheren Jahrgänge.

Wie gut das Format „Vom Sehen zum Sprechen“ mit aktuellen Bedürfnissen korrespondierte, zeigte vom ersten Augenblick an die hohe Akzeptanz. Innerhalb eines Jahres entfielen bereits 10 Prozent aller im Oberen Belvedere gebuchten Schulklassenführungen auf das neue Angebot, heute ist es rund jede vierte Führung – Tendenz weiter steigend. Zudem konnte inzwischen dank der finanziellen Unterstützung durch das vormalige Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur und in enger Zusammenarbeit mit dem Sprachförderzentrum Wien ein umfassender Fundus an Begleitmaterial für Wiederholungszyklen im Unterricht ausgearbeitet werden.

All das zusammen ist bereits eine mehr als positive Bilanz. Doch liegt der eigentliche Erfolg der Initiative im Gewinn für die Kinder und Jugendlichen selbst. In der Beobachtung, wie sie Freude am gemeinsamen Entdecken und Lernen entwickeln. Wie sie von Bildstation zu Bildstation Barrieren abbauen – sowohl gegenüber der deutschen Sprache als auch gegen- über dem Museum an sich. Und wenn die Teilnehmer/ innen dann noch manch erstaunliche Gemeinsamkeit zwischen der eigenen und der autochthonen Kultur entdecken, wird einmal mehr deutlich: Kunstwerke eignen sich ideal, um ein Fenster zu anderen Kulturen zu öffnen, Sprachkompetenzen zu fördern und interkulturelle Erfahrungen anzuregen.

Susanne Wögerbauer, Leitung Kulturvermittlung
Österreichische Galerie Belvedere, Wien


Fotos: Natascha Unkart, Belvedere, Wien

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