Erstellt am 19. Februar 2016

Provenienzforschung II – ein Beispiel aus der Praxis

Seit der Gründung des Universalmuseums Joanneums im Jahr 1811 bilden Objekte aus dem heutigen Slowenien einen wesentlichen Bestandteil der numismatischen und archäologischen Sammlung des Museums.
Dieser Umstand lässt sich durch die geopolitische Lage des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklären. Da die heute slowenische Štajerska während der Habsburgmonarchie innerhalb der Grenzen der österreichischen Steiermark lag, fanden immer wieder Fundstücke aus dieser Region durch Grabungen, Kauf oder Tausch ihren Weg ins damalige Landesmuseum Joanneum. So konnte die Abteilung Antikensammlung und Münzkabinett am Ende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie etwa 7.500 archäologische Fundstücke und einige Hundert Münzen aus dem Gebiet verzeichnen.

Während sich die Grenzziehung durch die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert wesentlich veränderte, blieben die Sammlungsstücke bis heute im Fundus der Abteilung Archäologie & Münzkabinett. Durch das Wissen um die Bedeutung der Fundstücke für den slowenischen Staat entstand im Jahr 2010 die Idee alle slowenischen Objekte und die dazugehörigen Archivalien im Rahmen eines Projekts zu erfassen und zu digitalisieren, um sie der Öffentlichkeit digital zugänglich zu machen. In Kooperation mit fünf weiteren Organisationen und Institutionen aus Slowenien und der Steiermark und der finanziellen Subvention durch das EU-Programm der grenzübergreifenden Zusammenarbeit Slowenien-Österreich 2007–2013 wurde dieses Vorhaben im Projekt InterArch-Steiermark (=Interaktives archäologisches Erbe der österreichischen und slowenischen Steiermark) verwirklicht.


Die praktische Umsetzung in der Abteilung Archäologie & Münzkabinett

Bald nach Beginn des Projekts im August 2011 begann man mit der Digitalisierung und Auswertung der in der Abteilung befindlichen Jahresakten, die allerhand Auskunft über Erwerbung und Fundort der in der Sammlung befindlichen Stücke gaben. Das digitalisierte Archivmaterial sollte dabei nicht nur für die archäologische Forschung, den Denkmalschutz und die Raumplanung in Slowenien von Bedeutung sein, sondern auch zur Rekonstruktion der Provenienzgeschichte der Sammlungsstücke der Abteilung Archäologie & Münzkabinett dienen.
So konnten bereits während dieser Arbeiten erste Objekte, deren Provenienz bisher nicht bekannt war, identifiziert und mit wertvollen Informationen ergänzt werden. Da jedoch alle slowenischen Objekte in einer Datenbank abrufbar gemacht werden sollten, begann man 2012 die einige Jahre zuvor begonnene Registrierung und Inventarisierung wieder aufzunehmen. Dabei wurde der Objektfundus der Abteilung systematisch mit den vorhandenen Inventarbüchern abgeglichen. Genauer gesagt bedeutete dies, dass jedes einzelne Objekt ausgepackt und durch eine am Artefakt befindliche Inventarnummer identifiziert wurde. Wiesen die Stücke eine solche Nummer auf, konnten Informationen wie Herkunft und Erwerbung (Jahr, Art) aus dem Inventarbuch entnommen werden und in einem Objektdatenblatt am Computer erfasst werden. Daneben wurden ebenfalls die Maße des Artefakts genommen und Bilder angefertigt. Konnte den Objekten keine Inventarnummer zugewiesen werden, mussten sie nach Materialgruppen getrennt und vorübergehend mit Registrierungsnummern versehen werden, bis eine Identifizierung durch andere Quellen erfolgen konnte. Die Objektdatenblätter bildeten dann die Basis für das spätere digitale Werkzeug, das über die Website zugänglich ist.


Provenienzforschung als Basis der Restitution

Der Abteilung Archäologie & Münzkabinett war bereits vor Projektstart bekannt, dass sich auch Objekte aus Grabungen der Jahre 1941 bis 1945 im Objektfundus befinden, die jedoch bis dato nur zum Teil auffindbar waren. Da Slowenien in diesen Jahren von den Nationalsozialisten besetzt wurde und die Grabungen vom steirischen Landesarchäologen und damaligen Abteilungsleiter Walter Schmid (1875–1951) durchgeführt wurden, fühlte man sich verpflichtet, die Stücke ausfindig und öffentlich zu machen. Anhand von Fundzetteln, Grabungstagebüchern und handschriftlichen Notizen des Landesarchäologen konnten die aus den Grabungen stammenden Einzelobjekte und Konvolute identifiziert und sorgfältig dokumentiert werden. Die Objekte wurden danach im Rahmen der Ausstellung „Ans Licht gebracht / V novi lui“ im Kulturhauptstadtjahres Maribor 2012 gezeigt und in einem dazugehörigen Ausstellungskatalog publiziert, bevor sie nach langwierigen Formalitäten an den slowenischen Staat zurückgegeben werden konnten.

Fazit Durch umfassende Provenienzforschung konnten im Rahmen des Projekts InterArch-Steiermark mehrere positive Effekte erzielt werden: Zum einen konnte die Abteilung Archäologie & Münzkabinett selbst bessere Kenntnis über ihre Sammlungsgeschichte gewinnen und durch die sorgfältigen Recherchetätigkeit grundlegende Daten zum archäologischen Erbe in der slowenischen Steiermark liefern, die fortan der Raumplanung, dem Denkmalschutz und der archäologischen Forschung in Slowenien dienen sollen. Die Wiederauffindung der Objekte aus dem Nationalsozialismus trug zudem dazu bei, dass die belasteten Stücke in ihr Ursprungsland zurück gebracht werden konnten und eine wertvolle Basis für künftige Forschungsprojekte bilden.

Susanne Lehrer, Universität Graz, eh. InterArch-Steiermark

 


Fotos: Universalmuseum Joanneum

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