Erstellt am 19. Februar 2016

Provenienzforschung I – Was ist sie und weshalb wird sie betrieben?

ICOM – International Council of Museums hat in den Ethischen Richtlinien eine Definition für Museen festgelegt, die unter anderem auch folgendes festschreibt: Die Aufgabe von Museen darin besteht, materielle Belege des Menschen und seiner Umwelt zu erwerben, erhalten, erforschen, vermitteln und auszustellen. Museen sind daher verpflichtet die Objekte in ihrem Fundus zu kennen. Deshalb erfolgt bereits im Rahmen der Registrierung und Inventarisierung die Aufnahme objektrelevanter Informationen. Zu ihnen gehören auch Auskünfte über die Art der Erwerbung (Aufsammlung, Beschlagnahmung, Schenkung, Übertragung, Vermächtnis, Tausch, Kauf) und über vorangehende wechselnde Besitzverhältnisse, also über die Herkunft (Provenienz) des Objekts. Diese Herkunftsangaben tragen unter anderem zur Bewertung der Authentizität eines Kulturgutes bei.


Provenienz und Moral

Da die Erwerbung von Objekten stark in Zusammenhang mit geltenden ethischen Werten steht, muss von Zeit zu Zeit überprüft werden, ob die bei der Akzession geltenden Moralvorstellungen noch aktuell oder obsolet sind.
Hier sei als Beispiel erwähnt, dass es während des NS-Regimes sowohl rechtlich als auch moralisch zulässig war, jüdisches Eigentum zu entziehen und in den eigenen Besitz zu übernehmen. Erst nach Ende des Nationalsozialismus entstand ein kollektives Bewusstsein für die unrechtmäßige Vorgehensweise des NS-Regimes. So wirft die Provenienzforschung im deutschsprachigen Raum seit den 1990er-Jahren ein besonderes Augenmerk auf Objekte, die während des Nationalsozialismus in Museums-, Bibliotheks- und Archivfundi aufgenommen wurden.
Ziel ist die Auffindung von Kunst- und Kulturgegenständen die durch Raub, Beschlagnahmung oder unter Ausübung von Druck in den Jahren 1933 bis 1945 von öffentlichen Institutionen erworben wurden und in weiterer Folge ihre Rückstellung an die ehemaligen Eigentümer beziehungsweise an deren Rechtsnachfolger zu veranlassen. In Österreich wurde zu diesem Zweck bereits 1998, im Zuge der Verabschiedung des Bundesgesetzes über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Österreichischen Bundesmuseen und Sammlungen, die Kommission für Provenienzforschung eingerichtet. Ihre Aufgabe ist die Koordinierung einer systematischen Erforschung der im Besitz des Bundes befindlichen Objekte.
Die Ergebnisse der von der Kommission eingesetzten Forscher/innen werden jährlich in sogenannten „Restitutionsberichten“ veröffentlicht.

Provenienzforschung abseits von Nazi-Raubgut

Heute entsteht vielfach der Eindruck, dass sich Provenienzforschung lediglich mit NS-Beutekunst befasst. Ihr Tätigkeitsfeld ist aber wesentlich breiter. Im Zentrum stehen gründliche Recherchen zur Herkunft aller Objekte, um damit die Originalität der Gegenstände zu belegen. Die Kenntnis der Provenienz kann dann aufgrund von ethischen und moralischen Erwägungen dazu veranlassen, eine Entscheidung darüber zu fällen, ob sich Gegenstände rechtmäßig oder unrechtmäßig im Besitz des Museums, der Bibliothek oder des Archivs befinden und Rückstellungsmaßnahmen erfordern.
Demnach fallen afrikanische Exponate, die unter Bedingungen kolonialer Machtausübung erworben wurden, ebenso unter den Begriff „belastete Objekte“ wie die im Rahmen von Expeditionen in fremden Ländern aufgesammelten Objekte und von Besatzungsmächten verschleppte Gegenstände.

Fazit

Provenienzforschung beschäftigt sich mit Nachforschungen zur Herkunft und früheren Besitzverhältnissen von Naturafakten und Artefakten. Sie dient Museen zum Informationsgewinn über den eigenen Bestand und stellt einen Teil des Authentizitätsnachweises von Objekten dar. Zudem liefert sie Belege für den rechtmäßigen oder unrechtmäßigen Besitz von Kulturgütern und veranlasst bei Bedarf eine Restitution der „belasteten Objekte“.

Susanne Lehrer, Universität Graz, eh. InterArch-Steiermark

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