Erstellt am 28. Mai 2015

Ohren und Hände werden Augen machen

Unsehbar, aber sichtbar

Museen und Ausstellungen gehören heute zu den wesentlichen Aspekten kulturellen Lebens. Der Besuch muss daher Mehrwert für alle Menschen bieten. Was ansprechend aussieht, muss nicht unbedingt gut wahrnehmbar sein. Zu den aus ästhetischen Gründen designten Sehbarrieren zählen z. B. ein dunkler, punktbeleuchteter Raum, darin dunkle Vitrinen, die mit winzigen, zarten sowie kontrastarmen Serifen auf spiegelndem Glas in Knie- bis Hüfthöhe – wo der Schattenwurf am größten ist – bedeckt sind; oder ein Text in Großbuchstaben, zentriert und in überlangen Zeilen gesetzt. So wird sogar die brillenfreie Minderheit beim Sehen und Verstehen der Informationen behindert.

Zu der Mehrheit, die Brillen und Kontaktlinsen tragen, kommen jene Menschen, deren Sehbeeinträchtigungen nicht vollständig oder nicht ausgleichbar sind. Sehen – vor allem ausgezeichnetes Sehen – ist keine Selbstverständlichkeit, multisensorische Vermittlung von Inhalten sollte es hingegen schon sein.

Taktiles und haptisches Wahrnehmen

Was Menschen inhaltlich begreifen sollen, sollten sie auch mit den Händen begreifen dürfen. Oberflächenstruktur, Größe, Gewicht, Festigkeit, Temperatur, Kontur und Materialeigenschaften sind Informationen, die wesentlich sind, um einen Gesamteindruck formen zu können. Umso wichtiger ist dies, wenn der Sehsinn kaum oder gar nicht zur Informationsgewinnung beitragen kann. Wo begreifen nicht am Original möglich ist, helfen transparente taktile Folien, die über Fotos und Texte gelegt werden. So bietet z. B. der taktile Kirchenführer von Eferding zu den Informationen in Schwarzschrift gleichwertige tastbare Text- und Bildflächen. Die Stelen des Kulturwanderwegs „Markt am Strom“ sind u. a. mit tastbaren Fassadenmodellen, die in bequeme Positionen schwenkbar sind, ausgestattet.

Nicht nur akustisch mehrdimensional

Audiodeskriptionen bieten mehr als nur vorgelesene Inhalte. Die Informationsstelen im universellen Design, die für die Bayerisch-oberösterreichische Landesausstellung 2012 entwickelt wurden, boten zusätzlich akustisch unterscheidbare Informationsebenen zur Raumorientierung. In den Ausstellungen Ranshofen und Mattighofen wurden zudem Duft-, Musik- und Taststationen sowie 14 Milestone-Points integriert.

Fazit

Um gut und schlecht sehende sowie blinde Menschen gleichwertig zu erreichen, bedarf es nur wenig, der Mehrwert für alle Menschen ist hingegen gewaltig.

Sigrid Strohschneider-Laue & Doris Prenn, prenn_punkt. buero fuer kommunikation & Gestaltung


Foto: Taktile Folie und Milestone-Point Bayerisch-oberösterreichische Landesausstellung 2012 (© S. Strohschneider-Laue),  Taktiler Kirchenführer Eferding (© D. Prenn),  Taktile Fassade Kulturwanderweg Aschach (© D. Prenn)

TeilenTweet about this on TwitterEmail to someoneShare on Facebook