VOM MUSENTEMPEL ZUM MÄNNERPALAST?

Warum Frauen in Österreichs Museen noch immer nicht gleichberechtigt sind

Nähme man die Ausstellungen österreichischer Museen als Querschnitt unserer Gesellschaft schiene es, als ob es doppelt so viele Männer wie Frauen gäbe. Betrachtet man die Führungsebenen der Museen dieses Landes, müsste man meinen, dass mehr als die Hälfte der dort Angestellten männlich sind. Doch wie sieht die Realität aus? Wie werden Frauen in österreichischen Museen repräsentiert und haben sie dieselben Chancen wie Männer, leitende Positionen in diesem Bereich zu besetzen?

Zur Lage der Nation

Die Daten für diesen Artikel entstammen der Arbeit Die andere Hälfte. Über Frauen und Feminismus in Ausstellungen (siehe Download). Hierfür wurden 22 Museen bzw. Museumsverbände und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern untersucht. Integriert wurden Museen jedes Bundeslandes und der verschieden thematischen Sparten.
Die Untersuchung der insgesamt 2.768 Ausstellungen österreichischer Museen zeigt ein eindeutiges Bild: Unterm Strich behandeln nur 17 % aller Ausstellungen Frauen und ca. 5 % zeigen dezidiert weibliche Themen. Ausstellungen von Männern machen hingegen 40 % aller Ausstellungen aus, ca. 3 % thematisieren ausdrücklich männliche Themen. 2 % der Ausstellungen sind gemischten Duos gewidmet. Die übrigen 36,5 % behandeln für diese Untersuchung irrelevante Ausstellungen mit allgemeinen, historischen oder anderen wissenschaftlichen Themen.
Alles in allem treffen Besucher/innen also nur in halb so vielen Fällen auf Ausstellungen, die Frauen oder weibliche Themen zum Inhalt haben, als auf Ausstellungen über Männer und männliche Themen.

Auch die Untersuchung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern spricht eine eindeutige Sprache: Insgesamt haben die untersuchten Museen 574 (für diese Analyse relevante) Mitarbeiter/innen. Im Speziellen sind damit Geschäftsführer/innen, Kuratorinnen und Kuratoren, Vermittler/innen und solche Personen gemeint, die in großem Ausmaß die Inhalte von Ausstellungen mitbestimmen oder die Vermittlung derselben zur Aufgabe haben. Diese Mitarbeiter/innen sind in 68 % der Fälle weiblich und in 32 % männlich.
Zusammenfassend sind die Führungspositionen bei einer 68 %-igen Mitarbeiterinnenquote allerdings nur zu 54 % mit Frauen besetzt. Dieser Wert wird durch den hohen Anteil an Vermittlungsleiterinnen erzeugt. Schließt man diese aus der Betrachtung aus, liegt der Wert der leitenden Frauen nur mehr bei 42 %. Demnach sind nur 42 % der leitenden Positionen, die aktiv die Inhalte von Ausstellungen mitbestimmen, mit Frauen besetzt. (Stellen wiederum, die keine führende Funktion innehaben, sind durchschnittlich zu 72 % mit Frauen und zu 28 % mit Männern besetzt.)

Aktionen gegen Diskriminierung?

Viele Museen scheinen sich der Diskriminierung von Frauen im Klaren zu sein, denn sie bringen oftmals bewusst „weibliche“ Themen in ihre Ausstellungen.
So ist es keine Seltenheit, dass kulturgeschichtliche oder historische Museen Ausstellungen zu lokalen Frauenleben anbieten. Das Museum Niederösterreich zeigte zum Beispiel im Jahr 2014 die Schau Frauenleben in Niederösterreich, die die Erlebnisse von „Frauen von nebenan“ präsentierte, „denn Frauengeschichte ist keine Geschichte der großen Ereignisse und Taten“. Eine bemerkenswerte Aussage, besonders da es sich bei der Kuratorin um eine Frau handelt.
In Kunstausstellungen rücken gewissermaßen auch oft Frauen in den Fokus, genauer gesagt: ihr äußeres Erscheinungsbild. Viele Ausstellungen nehmen Bezug auf das Aussehen von Frauen und präsentieren das (von Männern gemachte) Bild der Frau in der Kunst. So zeigte das Kunsthistorische Museum Wien die Ausstellung … sinnlich, weiblich, flämisch. Frauenbilder rund um Rubens (2009), das Museum Niederösterreich ging in Frauenbild (2003/04) der Frage nach, wie sich das Bild der Frau in der Kunst verändert hat, ähnlich wie die Ausstellung Frauenbilder. Vom Biedermeier bis zur frühen Moderne (2017) im Leopold Museum. Das Museum der Moderne Salzburg widmete Pablo Picassos Darstellung von Frauen eine eigene Ausstellung: Pablo Picasso. Frauen (2005).

Wie erleben Frauen das Museum?

Zusammenfassend sagen die Ergebnisse der Untersuchung Folgendes aus: Erstens erkennen Museumsbesucher/innen, dass es hauptsächlich berühmte, erfolgreiche und begabte Männer gibt, die auf die ein oder andere Art Wertvolles und Bewahrenswertes geleistet haben.
Zweitens lernen sie, dass Frauen meistens dann in Ausstellungen kommen, wenn ihre Körper oder ihr Aussehen im Mittelpunkt stehen.
Drittens bemerken sie, dass oft alltägliche Erfahrungen von Frauen („Frauenleben“) im Fokus stehen, was ausdrückt, dass diese Erfahrungen etwas Abweichendes, nicht der Norm Entsprechendes sein müssen (denn das Normale – das Männerleben – wird als selbstverständlich vorausgesetzt und demnach nicht ausgestellt).
Viertens wird ihnen vermittelt, dass berühmte oder begabte Frauen oft durch besondere Betonung und Hervorhebung in den Mittelpunkt gerückt werden, was zu dem Schluss führen kann, dass eben dies etwas Außergewöhnliches sein muss.
Fünftens erfahren Interessierte, die sich näher mit den Strukturen von Museen auseinandersetzen, dass diese überdurchschnittlich oft von Männern geleitet werden, obwohl sie unterdurchschnittlich viele Mitarbeiter stellen.
Sechstens finden sie heraus, dass auch die Führungspositionen der einzelnen Ausstellungsabteilungen in unfairem Maß mit Männern besetzt sind.
Und siebtens zeigen die Ergebnisse der Untersuchung, dass von Frauen geleitete Museen vermehrt Frauen und frauenzentrierte Themen in Ausstellungen bringen und eher anderen Frauen zu Führungspositionen verhelfen.

Lisa Wonnebauer, FH Joanneum, Graz, aus der Masterarbeit Die andere Hälfte (2020), lisa.maria.wonnebauer@gmail.com.

Datum

Erstellt am 9. Oktober 2020

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