„Einmal mit alles?“

Die vielzitierte Frage aus der Kulinarik wird uns im Kulturbereich selten gestellt. Dabei ist auch hier die Frage durchaus angebracht: „Wie möchten Sie Ihren Museumsbesuch gestalten und was benötigen Sie dazu?“

Der Zugang zu Kultur sollte einem vielfältigen Publikum ohne Hindernisse möglich sein.

Es geht allerdings nicht allein darum, die passende bauliche Infrastruktur dafür zu schaffen, sondern  Inhalte derart zu gestalten, dass sie sich allen Besucher/innen erschließen. Daraus entstehen sowohl neue, inklusive Begegnungszonen als auch ein sozialer Austausch, der weit über die Kulturinstitutionen hinaus seine Kreise ziehen kann.

„Ja, bitte alles…

Inklusion ist das neue Barrierefrei. Hinter Letzterem steht das Ziel der Zugänglichkeit für alle und umfasst sowohl den physischen Zugang in Gebäude und öffentliche Ämter als auch den Anspruch auf Bildung, Arbeit und Freizeitaktivitäten.
Der noch weniger geläufige Inklusionsansatz baut darauf auf: Er steht für eine völlig selbstverständliche Teilhabe an allem gesellschaftlichen Leben, völlig unabhängig von Herkunft, Religion, Behinderung, Geschlecht usw. Die Umwelt wird so gestaltet oder angepasst, dass Bedürfnisse berücksichtigt werden und Teilhabe für alle möglich ist.

ein bisschen scharf …

Oftmals verliert sich die museologische Debatte über Barrierefreiheit und Inklusion in einer Diskussion über Wirtschaftlichkeit und Notwendigkeit. Zwei wesentliche Hemmfaktoren am Weg zum inklusiven Museum: Vorrangig wird der Erfolg einer Ausstellung anhand von Medienresonanz und Besuchszahlen gemessen, anstatt den Fokus darauf zu legen, ob ein möglichst diverses Publikum erreicht wird. Beispiele aus den Niederlanden und England zeigen, dass Subventionen aus öffentlicher Hand, die Inklusionsbestrebungen zur Bedingung stellen, inklusiv gedachte Museumsarbeit wesentlich vorantreiben.
Ebenso wirkt die im deutschsprachigen Raum noch vorherrschende, klassische Formensprache des Museums als Ort des Sammelns und Bewahrens auf ein potenzielles, neues Publikum wenig einladend. Um ein zeitgemäßer Ort des öffentlichen Diskurses für alle zu sein, in dem aktuelle Debatten und Entwicklungen ihren Platz finden, müssen althergebrachte Strukturen aufgebrochen werden.

Bitte mit etwas mehr …

Zusammenarbeit und Abstimmung mit unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen, Interessensvertretungen oder Vereinen sind für ein inklusives Museum essenziell. In den vergangenen Jahren konnte dadurch bereits viel bewegt werden, was sich nicht zuletzt in zahlreichen ausdifferenzierten Vermittlungsformaten widerspiegelt. Eine wesentliche Rolle nehmen hier die Kulturvermittler/innen ein, die durch ihre Tätigkeit mitunter wenig inklusiv konzipierte Ausstellungen trotzdem für ein breitgefächertes Besucher/innenspektrum zugänglich machen. Auf Dauer wird diese Art der Kompensationsleistung – insbesondere bei gleichbleibender Anzahl an Vorbereitungsstunden – jedoch schwer zu stemmen sein.
Gelebte Inklusion braucht daher das Engagement aller Abteilungen im Kulturbetrieb gleichermaßen.

und  weniger …

Sogenannte sinnesfreundliche (oder sensorisch freundliche) Maßnahmen können das Kulturerlebnis für bestimmte Personengruppen angenehmer gestalten bzw. erst ermöglichen. Eine multisensorische Ausstellungsarchitektur, bei der verschiedene Sinne angesprochen werden, bietet Orientierung und selbstbestimmtes Erkunden an.
In manchen Fällen kann es allerdings notwendig sein, die angebotene Palette an Sinnesreizen etwas zurückzunehmen: Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen, Demenz oder Hypersensibilität haben oft Schwierigkeiten mit zu vielen Reizen und sind neurologisch meist nicht in der Lage, diese zu „filtern“. Unruhe, Paniksymptome oder gar epileptischen Anfälle können die Folge sein.

Sinnesfreundliche Vermittlungswege müssen daher auch die Empfindungen dieser Besucher/innengruppe berücksichtigen. Wesentliche Elemente dabei sind flexible Kommunikationsformen, Planbarkeit und die Verminderung von äußeren Wahrnehmungsreizen.
Ein mögliches Konzept, das diesen Anforderungen entspricht, sind sinnesfreundliche Stunden bzw. Tage im Museum, während derer Ausstellungen in ruhigerem, reizverminderten Ambiente besucht werden können. Bereits vorab sollten den Besucherinnen und Besuchern umfangreiche Informationsmaterialien zur Verfügung stehen, z. B. in Form von sensorisch-freundlichen Ausstellungsplänen, bebilderten Beschreibungen in einfacher Sprache oder Hilfsmaterialien, wie sogenannte Gefühlskarten, auf der Museumswebseite. So können sich Interessierte und ihre Begleitpersonen in ihrem Tempo auf ein neues Umfeld vorbereiten, Schwerpunkte setzen und entscheiden, ob sie das Museum selbstständig erkunden, oder ein Vermittlungsprogramm in Anspruch nehmen möchten.

Zum Mitnehmen, danke!“

Inklusive Kulturangebote eröffnen allen Besucherinnen und Besuchern neue Perspektiven und schärfen das Bewusstsein dafür, dass Menschen Dinge unterschiedlich wahr-nehmen, er-fahren und be-greifen. Nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders.

Karin Fischer, fischer_karin@gmx.at

Datum

Erstellt am 5. Oktober 2020

Credits und weitere Informationen

Zum Download die ganze Arbeit:

Karin Fischer: Alle SINNklusive – Inklusion und sinnesfreundliche Maßnahmen in der Kulturvermittlung. Abschlussarbeit zum Lehrgang Kulturvermittlung 2019/2020 Akademie Kultur.Region.Niederösterreich


Foto: PxPhere