Schadstoffe in Depot-Atmosphäre, Aufbewahrungs- und Transportbehältnissen

Allgemein wird angenommen, dass Objekte in Ausstellungen und im Depot keinen Schaden nehmen. Die Realität jedoch sieht anders aus.

In Museen gibt es – neben den für Besucher zugänglichen Schaubereichen – in Depotgebäuden auch vielfältige Aufbewahrungsbehältnisse aus den verschiedensten Materialien, welche in den letzten Jahrhunderten eingesetzt wurden. Besonders über die Vielzahl der hierfür verwendeten – und hier vor allem der neuzeitlichen – Materialien herrscht bezüglich ihrer Objektverträglichkeit Unsicherheit. Aber auch Kunstwerke aus modernen Polymeren können selbst Emissionen verursachen.

Im Herstellungsprozess verwendete Materialien sind bis heute oft nicht vollständig deklariert. Wechselnde Produzenten wie Lieferanten tragen weder zur Konstanz der Materialien noch zur Sicherheit beim Endbezieher bei. Auch Wechselwirkungen einzelner, nicht deklarierter Inhaltsstoffe untereinander führen zu Veränderungen und Schäden an Objekten. Messergebnisse einzelner Materialklassen können nicht generalisiert werden.

Bei Untersuchungen der eingesetzten Materialien für die Präsentation und Lagerung von Museumsobjekten sollte man sich nicht nur auf diese fokussieren, sondern auch auf die zur Konservierung von Kunstgegenständen eingesetzten Materialien für Festigung, Klebung, Imprägnierung und Schadinsektenbehandlung sowie auf die Museumsobjekte selbst. Messungen der Inhaltsstoffe der Luft stellen dabei die Voraussetzung für Entscheidungen über die Modifikation oder den Austausch von bisher verwendeten Materialien dar. Schadstoffmessungen können zur Separierung von unterschiedlichem Sammlungsgut führen bzw. zur Trennung von Depots und Transportbehältnissen.

Hier gibt es Parallelen zwischen dem Universalmuseum Joanneum und anderen Museen in Europa: Im vergangenen Jahrhundert wurden Materialien oft aus Gründen der Verfügbarkeit und der Finanzierbarkeit gewählt und nicht aufgrund ihrer Eignung. Diese wurden zu selten kritisch hinterfragt, da das hierfür nötige Bewusstsein nicht vorhanden war. Schon bei der Lagerung in Schubladen, Schränken und Regalen oder bei der Einrahmung von Grafiken etc. wurden die verwendeten Materialien zu wenig hinterfragt, obwohl sich diese zum Teil bis heute in unmittelbarer Nähe zu den Objekten befinden, mit diesen im Depot eingelagert wurden oder sogar zur festen Depoteinrichtung gehören. Konservierung und Restaurierung waren zunächst keine universitären Studienfächer, erst ab den 1980er-Jahren hat ein differenzierender Umdenkprozess eingesetzt, noch jünger ist die Prävention.

Was die verwendeten Materialien angeht, so sind hier Untersuchungen und Bemühungen von Kunstspeditionen nennenswert: Abgelagerten Materialien galt zumeist der Vorzug vor frisch produzierten, da man der Auffassung war und ist, dass frisch produzierte Materialien mehr Schadstoffe abgeben. Schon in den 1970er-Jahren erkannte man, dass gerade in geschlossenen Behältnissen – vergleichbar mit einer dichten Vitrine – die Ausdünstungen der den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen ausgesetzten Materialien besonders hoch sind. Innerhalb und außerhalb der Institutionen konzentrierten sich die Bemühungen der Anbieter für den Kunsttransport – vor allem aus Gründen der Haftungsfragen – hauptsächlich auf die Eingrenzung und Reduzierung der Schäden, welche durch Erschütterungen, bei Objektmanipulation und Langstrecken-Transporten, sowie auf Beeinträchtigungen, welche durch ein nicht ausreichend geregeltes Klima in Aufbewahrungsbehelfen sowie Versandkisten entstehen können und letztlich auch bei Bauarbeiten in und in der Nähe von Bauten mit historischer Ausstattung sowie bei der bloßen Aufstellung der Objekte auf Sockeln auftreten.

Die große Vielzahl der verwendeten Materialien wurde in den letzten Jahrzehnten auf ihre Zusammensetzung hin untersucht und die Hersteller um Preisgabe von Informationen zum Herstellungsprozess, zur Materialzusammensetzung und zum Produktverhalten ersucht. Zum Vitrinen- und Versandkistenbau existieren schon seit Längerem Listen über Materialien, welche verwendet und empfohlen werden. Dabei wurden die verwendeten Werkstoffe sowie Binde- und Klebemittel auf ihre Komponenten und Ausdünstungen untersucht, welche zum Teil eine relativ hohe Schadstoffbelastung verursachen und korrosiv auf das Ausstellungsgut wirken können. Langzeiterfahrungen zu Materialien, welche in Depots, Vitrinen- und Versandkisten eingesetzt werden, sowie die zu erwartenden Wechselwirkungen zwischen Materialien und Objekten haben Eingang in Überlegungen gefunden, wie Schadstoffe von vornherein ausgeschlossen, minimiert oder auch neutralisiert werden können.

Paul-Bernhard Eipper, Leiter Referat Restaurierung, Universalmuseum Joanneum, Graz

Datum

Erstellt am 17. Juli 2020

Credits und weitere Informationen

Den ganzen Text dazu finden Sie hier als pdf.

Siehe dazu auch Christoph Friedl, Grundlegendes im Umgang mit Museumsvitrinen: Mikroklima und Dichtheit, 2020