Barrierefreiheit im Museum dank Key Enabling Technologies und partizipativen Konzepten

Warum partizipative Konzepte

Museen sind öffentlicher Raum, kulturelle Artefakte Teil unseres gesamtgesellschaftlichen Erbes – und trotzdem bleiben oft gerade öffentliche Kulturinstitutionen und ihre Ausstellungsstücke für Menschen mit besonderen Bedürfnissen weiterhin schwer zugänglich. Und wer von Zugänglichkeit spricht, denkt im Zusammenhang mit Museen vielleicht zuerst nur an die Probleme, die es mit sich bringt, Rampen und Aufzüge in alten, denkmalgeschützten Gebäuden zu installieren, und vergisst dabei die weniger sichtbaren Hindernisse, die sich manch anderem in den Weg stellen, der am kulturellen Leben teilnehmen und eine Ausstellung besuchen möchte.

Dass zum Beispiel Menschen, die in Gebärdensprache kommunizieren, in vielen Fällen niemals gelernt haben, die Schriftsprache ihres jeweiligen Landes zu lesen (und natürlich auch mit einem Audioguide nichts anfangen können) und deshalb ratlos vor den Objektkennungen, Ausstellungskatalogen etc. stehen, ist nicht jedem bewusst.
Oder dass die eingeschränkte Verfügbarkeit von WLAN in Ausstellungsräumen die Nutzung diverser etablierter Hilfstechnologien auf Smartphones, Tablets und anderen Handhelds erschweren kann. Verschiedene Angebote wie spezielle Führungen ermöglichen zwar Zugang, bieten aber keine wirkliche Option, sich selbstständig durch Ausstellungen zu bewegen und diese im eigenen Tempo zu erfahren.
Dieser Mangel an ermöglichter Selbstständigkeit spiegelt sich auch in der Forschung und im Prozess der Ausstellungsgestaltung wieder: Zwar stellen bei der Entwicklung neuer Technologien oder beim Entwurf von barrierefreien Ausstellungsräumen durchaus mitunter Forscher/innen, Kuratorinnen und Kuratoren einer Gruppe von Menschen mit besonderen Zugangsbedürfnissen Ideen vor und lassen deren Ausführung durch diese evaluieren – aber sogenannte partizipative Forschung, also ein Ablauf, indem die Zielgruppe bereits in die Ideenfindung miteinbezogen wird, findet selten statt.

Das ARCHES Projekt

Im Rahmen von ARCHES, einem EU Horizon 2020-Projektes, haben sich sechs europäische Museen (u. a. das Kunsthistorisches Museum Wien, das Museo Thyssen-Bornemisza und das V&A) mit Forscherinnen und Forschern von zwei Universitäten und vier Technologie-Firmen zusammengetan und in einem partizipativen Forschungsprojekt mit Gruppen bestehend aus Menschen mit vielen verschiedenen Zugangspräferenzen gemeinsam an neuen Anwendungen und Wegen geforscht, Museumsbesuche integrativer zu gestalten.
Über 200 Treffen dieser Gruppen in Österreich, Spanien und England fanden statt und trugen maßgeblich zur Entwicklung diverser Konzepte innerhalb der jeweiligen Kulturinstitutionen und zum Entwurf neuer Technologien in den jeweiligen Firmen und Forschungseinrichtungen bei. Gleichzeitig war ARCHES für viele dieser Teilnehmer/innen eine dermaßen emanzipierende Erfahrung, dass sie noch innerhalb der Laufzeit oder kurz danach neue Jobangebote annehmen konnten.
Zu den Ergebnissen des Projektes gehören neben museumsspezifischen Apps wie geführte Routen und einem Mobile Game auch die Verfeinerung eines digitalen Gebärdensprache-Avatars zur semi-automatischen Übersetzung von Schrifttexten und eine Publikation mit dem Titel Auf dem Weg zu einem partizipativen Museum (auch verfügbar in Englisch und Spanisch), eine Anleitung, die vielen Museen zu partizipativen Ansätzen helfen soll und die hier gratis zum Download zur Verfügung steht.

VRVis und ARCHES

Das Wiener Forschungszentrum VRVis, das bereits seit über zehn Jahren daran forscht, 2D Kunstwerke computerunterstützt in 2.5D Tastmaterialien umzuwandeln,  hat innerhalb vonARCHES das Konzept der Taktilen Gemälde weiterentwickelt. Nun stellt VRVis einen Prototyp für einen interaktiven Multimedia-Guide vor, welcher Tastreliefs in einer Mixed-Reality-Umgebung auf vielen Ebenen erfahr- und eben auch begreifbar macht.
Das Setup besteht aus einem Holzrahmen, in dem das Tastrelief eingelegt wird, dahinter befindet sich ein Touchscreen, auf dem das Originalgemälde dargestellt wird und über dessen Benutzeroberfläche eine Vielzahl an Hintergrundinformationen zum Kunstwerk aufgerufen werden kann. Außerdem verfügt das Gerät über einen Projektor und eine Tiefenkamera. Inhalte werden in Form von Projektionen auf das Relief, Animationen am Bildschirm, Soundscapes und Texten (die sowohl als Audiodateien, im reinen Textformat oder auch als Gebärdensprache-Videos abgerufen werden können) zur Verfügung gestellt.
Das Tastrelief ist mit Handgesten interaktiv erforschbar. Das Nutzer/innenerlebnis kann zusätzlich über ein Einstellungsmenü personalisiert und Präferenzen wie Hochkontrastdarstellung, einfache Sprache, Geschwindigkeit und Lautstärke der Audiowiedergabe können angepasst werden.
Alle Funktionen sind auch einzeln zu- und wegschaltbar, um Reizüberforderung zu vermeiden.

Ein Design für alle

Mit diesem interaktiven Multimedia Guide für Taktile Reliefs hat VRVis bewiesen, dass Design for all möglich ist und nicht nur Menschen mit speziellen Zugangsbedürfnissen, sondern wirklich alle von solchen Technologien profitieren.
Im Rahmen von Ausstellungen wie bei der European Researchers Night hat sich klar gezeigt, dass zum Beispiel auch Familien mit Kindern starkes Interesse an solcher Art „zum Leben erweckten“ Kunstwerken haben – und dabei nicht nur die Kleinen ihrer Neugierde freien Lauf lassen! Da es sich bei dieser Technologie nicht um ein Massenprodukt handelt, können individuelle Lösungen für jedes Museum gefunden und das Setup in neuen Kontexten verwendet werden. Sowohl der interaktive Multimedia-Guide als auch diverse Taktile Gemälde können nach Voranmeldung gerne bei VRVis besichtigt werden.

Cornelia Travnicek, Researcher, VRVis Zentrum fuer Virtual Reality und Visualisierung, Wien

Datum

Erstellt am 26. April 2020

Credits und weitere Informationen

Fotos (@ VRVis):
Tastereliefs eines Kunstwerks im Museo Thyssen-Bornemisza // Interaktiver-Multimedia-Guide und mehrere Tastreliefe von Kunstwerken // Arbeit in den Partizpativen Forschungsgruppen (Foto: Sabine Gruber) // Spiele App für Museen die auch für blinde Menschen bedienbar ist