Erstellt am 31. Oktober 2018

Schimmelpilzbefall in Sammlungen. Angriff oder Verteidigung?

Schimmelpilzbefall – seit jeher eine komplexe Problematik in musealen Sammlungsbeständen. Als relativ widerstandsfähige und anspruchslose Organismen mit effizienter Verbreitungs- und Wachstumsstrategie können sie sich in der Regel sehr rasch in einer geschützten Umgebung mit geeigneten Umweltbedingungen etablieren.

So kann es bereits bei wenige Tage andauernder erhöhter relativer Luftfeuchtigkeit, etwa durch einen Wasserschaden, in kürzester Zeit zu einem weitreichenden Befall kommen. Die Gefahren, die ein Schimmelpilzbefall für Objekte birgt, sind vielfältig und bedeuten nicht selten die Entstehung irreversibler Schäden.

Zweifelsfrei besteht in solchen Situationen rascher Handlungsbedarf. Aber wo fängt man an, wie weit muss man gehen und wie kann man vorsorgen?

Schimmelsporen müssen als ubiquitärer Bestandteil des Bioaerosols in der Atemluft verstanden werden. Sie sind grundsätzlich immer und überall vorhanden und lagern sich im Laufe der Zeit mit anderen Staubpartikeln auf Oberflächen ab. Daher gelangen sie auch relativ leicht in abgeschlossene Räume wie Depots: Durch Personen, die sie mit ihrer Kleidung aus dem Außenbereich „einschleppen“, durch den Hinein- und Hinaustransport von Objekten und Materialien, durch undichte Fenster, Lüftungsanlagen, Klimageräte, alte Raumausstattung etc.

Ob und in welchem Ausmaß es nun aber, wie etwa beim Fallbeispiel eines Wasserschadens in einer Sammlung, tatsächlich zur Sporenkeimung und Pilzwachstum kommt, ist von verschiedensten Faktoren abhängig. Nicht alleinige, jedoch besondere Bedeutung haben dabei Klima (Feuchtigkeit, Temperatur), Nährstoffe (organische Objektmaterialien, Staub), Keimdichte (vorhandene Sporen, Pilzzellen z. B. in Staub) und Zeit.

Unter geeigneten Umgebungsbedingungen (bei hier für uns relevanten Spezies teilweise bereits ab 65-70% anhaltender relativer Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur!) können vorhandene Sporen auf einer Oberfläche auskeimen und die Pilze wachsen. Oft wird ein Schimmelpilzbefall erst nach seiner erfolgreichen Besiedlung des Substrats mit dem freien Auge als weißer oder färbiger, wattiger bis fädiger Belag erkennbar.

Präventive Konservierungsmaßnahmen lohnen sich demnach und können vor einem Schimmelbefall in Sammlungen bewahren oder zumindest das Schadensausmaß bedeutend eingrenzen. Dazu zählen vor allem: langfristiges und regelmäßiges Monitoring und wenn nötig Optimierung des Raumklimas (bestenfalls mit Alarmfunktion bei Überschreiten vorgegebener Grenzwerte), Feuchtigkeitsstau und Mikroklima durch Lagerungskonzepte mit guter Belüftung aller Oberflächen vermeiden, Staubansammlungen mithilfe eines Reinigungsplans verhindern, regelmäßige Kontrolle aller Objekte und genaue Dokumentation aller daran durchgeführten Maßnahmen, Transporte etc. Die vorsorgliche Erstellung eines sogenannten Notfallplans und entsprechende Schulungen des Personals können außerdem wertvollen Handlungszeitraum schaffen, sollte es einmal zu einem Wasserschaden o. ä. kommen.

Treten doch einmal auffällige, „schimmelähnliche“ Oberflächenphänomene auf, mit Verdacht auf Schimmelpilzbefall, ist in jedem Fall eine Erstuntersuchung zur Klärung der genauen Ursache notwendig. Wissen über das betreffende Objekt, seine Materialien, Technik, Aufbau und (Restaurier-)Geschichte, Fachwissen und Erfahrung in den Feldern der Mikrobiologie bis zur mikrobiellen Ökologie sowie ein gutes Kombinationsvermögen bilden die Basis für eine richtige Interpretation des vorliegenden Schadensphänomens. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist wichtig, um bei einem tatsächlichen Pilzbefall letztendlich das Ziel einer erfolgreichen Dekontaminierung und nachhaltigen zukünftigen Prävention zu erreichen.

Weder objekt- und materialspezifische noch klimatische, räumliche oder zeitliche Parameter dürfen bei der Erarbeitung eines Behandlungskonzeptes außer Acht gelassen werden, da das Wachstum der Pilze meist auf einem Zusammenspiel all dieser Faktoren beruht. Von Schimmelpilzzellen sowie von ihnen gebildeten Stoffwechselprodukten gehen verschiedene gesundheitliche Gefahren aus, die keinesfalls unterschätzt werden sollten. Mit den richtigen persönlichen Schutzmaßnahmen (Atemschutz mit Feinpartikelstaubmasken der Kategorie FFP3, Hautschutz mit Einmalhandschuhen, Wechselkleidung bzw. in Extremfällen auch Einweg-Ganzkörperanzüge) lässt sich dieses Gefährdungspotenzial aber minimieren. Arbeitsplätze und -materialien müssen außerdem möglichst sauber und isoliert gehalten werden, während Reinigungsarbeiten verwendete Absaugeinrichtungen (Abzüge bzw. Staubsauger) mit sogenannten HEPA-Filtern ausgestattet sein. Dies gilt sowohl im Umgang mit direkt befallenen (besiedelten) als auch „nur“ kontaminierten (mikrobiell stärker verunreinigten) Objekten.

Wird ein Befall festgestellt, sollte grundsätzlich der erste Schritt dessen Isolierung vom Rest der Sammlung sein. Vor einer weiteren Behandlung muss der Schimmelpilz inaktiviert werden, was i. d. R. dessen Austrocknung bedeutet. Eine sichere Abtötung kann man sich damit allerdings nicht erhoffen. Außerdem darf die Materialtrocknung nicht zu weit – zum Schaden der Objekte – gehen. Meist wird als nächster Schritt eine Trockenreinigung empfohlen, um gesundheitliche Risiken sowie jenes des erhöhten „Startkapitals“ für neuerliches Wachstum zu minimieren. Von anschließenden, teils radikalen chemischen Desinfektionsmaßnahmen, der „Kriegsführung“, wird in der Praxis immer öfter Abstand genommen, um unter anderem die Problematik von gesundheitsbedenklichen Substanzen und Rückständen zu umgehen.
Aber auch für die Objekte kann der Einsatz von Chemikalien teilweise unberechenbare Folgen haben und ist nicht immer anzuraten. Während beispielsweise die oft empfohlene Behandlung mit Alkohollösungen (Ethanol oder Isopropanol) bei richtiger Anwendung in vielen Fällen sehr wirkungsvoll sein kann, ist sie etwa bei komplexen Materialkombinationen wie Gemälden und gefassten Oberflächen meist keine Option. Eine erfahrungsgemäß ausreichende, gleichzeitig auf lange Sicht meist auch günstigere Vorgehensweise mag womöglich banal erscheinen, hat sich aber als mindestens ebenso zielführend erwiesen: Die saubere Lagerung gründlich dekontaminierter Objekte in kontrolliertem Klima, inklusive langfristigem und regelmäßigem Monitoring. Der im Material verbleibende Pilz wird hier nicht gezielt abgetötet, sondern nur permanent inaktiv gehalten – sozusagen ein effektiver, diplomatischer Mittelweg gegangen.

Katharina Derksen, Studierende am Institut für Konservierung und Restaurierung, Universität für angewandte Kunst, Wien


Weiterführende Literatur
M. E. Florian: Fungal facts, London 2002
G. Krist (Hg.), Collection Care. Sammlungspflege, Wien – Köln – Weimar 2015
C. Meier, K. Petersen, Schimmelpilze auf Papier, Ein Handbuch für Restauratoren, Tönning Lübeck Marburg 2006
Umweltbundesamt (UBA), Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden, 2017