Erstellt am 21. August 2018

Ignoranz und Unwissenheit – Risk of Dissociation

Eines der letzten Risiken („Agents of Deterioration“) für die Erhaltung von Kunst- und Kulturgut, das vom Canadian Conservation Institute definiert wurde, wird als Dissociation bezeichnet (siehe auch Blog: Was ist präventive Konservierung?).
Wörtlich übersetzt bedeutet Dissociation Entkopplung oder Absonderung – in diesem Fall von Kunstobjekten. Etwas freier kann dieser Risikofaktor auf Deutsch auch als Ignoranz, Unwissenheit bzw. fehlender Überblick über eine Sammlung bezeichnet werden.
Immer mehr stellt sich heraus, dass gerade dieser Aspekt eine der größten alltäglichen Gefahren für die Erhaltung darstellt.

Wie äußert sich nun dieses Risiko in einer Sammlung? – Im schlimmsten Fall mit dem Verlust von Objekten oder Informationen oder dass eine lange Suche nötig ist, um das eine oder das andere wiederzufinden.
All diese Aspekte beeinträchtigen den legalen Status des Objekts, verunklären die Besitzverhältnisse und können zum Verlust intellektueller und kultureller Werte führen.

Eines der bekanntesten Beispiele von Dissociation ist wohl die Geschichte der sogenannten Fettecke von Joseph Beuys.
In einem Raum in der Kunstakademie Düsseldorf hatte der Künstler im April 1982 eine Skulptur aus fünf Kilogramm deutscher Markenbutter angebracht. In der Folgezeit diente die Fettecke als Demonstrationsobjekt in Seminaren und für Besucher.
Nach Beuys’ Tod 1986 wurde der Raum kaum noch benutzt und verwahrloste. Putzfrauen der Kunstakademie säuberten ihn schließlich und die Fettecke fand sich im Abfalleimer der Kunstakademie wieder – sie war für immer verloren.

Nicht jedes Museum hat nun Kunstobjekte, die so schwer zu identifizieren sind wie 5 Kilo deutscher Markenbutter, das Risiko von Ignoranz und Unwissenheit ist dennoch vorhanden. Es tritt vor allem dann ein, wenn Mitarbeiter zu wenig Zeit für ihre Arbeit haben, schlecht bezahlt werden oder schlecht ausgebildet sind.
Häufig ist die Sammlungspflege und die präventive Konservierung nur eine Nebentätigkeit, weil eigentlich andere Aufgaben erfüllt werden müssen. Auch die Prioritätensetzung im Museumsmanagement kann Dissociation fördern, indem etwa der Erfolg von Ausstellungen vor die alltäglich Sorgfalt im Umgang mit der Sammlung gestellt wird.
Es ist also meist keine Frage des guten Willens, sondern der Möglichkeiten (finanziell und zeitlich), Ordnung zu halten. Probleme im Gebäude, zu wenig Platz und inadäquate Depoteinrichtungen fördern das Chaos ebenfalls.

Was dem Verlust von Objekten vorbeugen kann, ist eine klare Ordnung im Depot und eine gute Organisation der Sammlung.
Für die Sammlung sollten eigene Räume vorhanden sein, in denen es nicht zur Vermischung mit sammlungsfremden Gütern kommt. Jedes Objekt sollte über einen angestammten Platz verfügen, der im Inventar verzeichnet ist.
Eine Überfüllung des Depots ist zu vermeiden, generell ist es ratsam, wenn ungefähr 20 Prozent Reserveraum – „Puffer“ – vorhanden sind, um auch Neuzugänge aufnehmen zu können.
Der Platz sollte ausreichend sein, sodass die Zugänglichkeit zu jedem einzelnen Objekt ohne große „Räumaktionen“ erfolgen kann.
Der Zutritt zu den Depots selbst sollte reguliert und eingeschränkt werden.
Natürlich ist dafür eine Sicherheitssystem (Alarmanlage) unerlässlich.
Darüber hinaus ist es essenziell, dass alle Mitarbeiter den Wert der Sammlung verstehen und ein Bewusstsein über die Bedeutung der Objekte haben – auch ein Hausmeister oder eine Reinigungskraft.

Und einer der wichtigsten Aspekte jedoch, um dem Risiko der Dissociation entgegenzuwirken, ist ein vollständiges Inventar. Wie ICOM es in einem CIDOC-Dokument festhält, ist das Inventar ein standardisierter Vorgang, der Verluste von Objekten verhindern kann: „Inventorying objects in a standardized way can help prevent loss and aid the recovery of lost items. The availability of good documentation also ensures that knowledge about objects extends beyond the objects themselves. It provides a foundation for the use of a collection by curators, researchers, and the public.”

Das Inventar, das am besten in einer Datenbank vorliegt, muss maßgeblich durch eine sicher angebrachte Inventarnummer mit dem Objekt verknüpft sein (siehe Blog Das Anbringen von Inventarnummern).
In der Inventarisierung ist ein Foto neben den wichtigsten Grundinformationen zum Objekt ein wichtiges Hilfsmittel zur Wiederkennung. Es hat sich dabei als sehr sinnvoll erwiesen, die Inventarnummern gut sichtbar mitzufotografieren.
Einer Beschriftung von Standorten, Depotmöbeln und Verpackungen kommt ebenfalls eine große Bedeutung zu, um die Ordnung im Depot zu erhalten.
Dies kann bei pulverbeschichteten Stahlmöbeln etwa mit Magnetschildern erfolgen, bei Kartonboxen mit Plastiklaschen in die Beschriftungen und auch Bilder der verpackten Objekte eingebracht werden.
Ein Ein- und Ausgangsbuch, das im Depot aufgelegt wird und in dem jede Objektbewegung verzeichnet wird, hält die Verstandortung aktuell und sollte regelmäßig in die Inventardatenbank übertragen werden.
Bei größeren Museen muss insbesondere der Leihverkehr standardisierten Prozessen folgen, um zu verhindern, dass Objekte vielleicht nie wieder kehren.
Generell gilt, dass die Vermeidung von Dissociation vor allem bei der allgemeinen Organisation eines Museums ansetzen muss. Es geht darum, wirksame Kontroll- und Dokumentationsabläufe zu entwickeln und diese tatsächlich laufend umzusetzen – auch in Zeiten, in denen die Prioritäten möglicherweise woanders liegen.

Wo Regeln und Standards im alltäglichen Umgang mit Objekten nicht beachtet werden, kann der irrtümliche Verlust von Objekten, zum größten Risiko für die Erhaltung der Sammlung werden.

Johanna Runkel, Universität für Angewandte Kunst, Wien


Weiterführende Links und Literatur
Auf Verpackungen wie etwa Archivkartons können etwa Etikettenhalter aus klarem Polypropylen und weichermacherfreiem Acrylkleber zur Beschriftung angebracht werden, z. B. https://monochrom.com/fotos-archivieren/hilfsmittel/beschriftung/etikettenhalter.

Für die Beschriftung auf Stahlmöbeln im Depot können Magnethalterungen verwendet werden, z. B. https://www.supermagnete.at/magnet-etiketten/magnetetiketten-40-x-10mm-mit-papiereinlage-und-schutzfolie_CP-1040.

Robert Waller and Paisley S. Cato, Agent of Deterioration: Dissociation.

ICOM, CIDOC guidelines 1995.

Beuys‘ Fettecke weggeputzt. Kunst im Eimer, Die Zeit 46/1987

Viktor Pröstler, Inventarisierung als Voraussetzung für ein zeitgemäßes Museum, in: Michael Henker, Inventarisation als Grundlage der Museumsarbeit, Berlin/München 2013


Foto: Gemäldedepot im Stift Neukloster mit Beschriftung der einzelnen Gitterwände zur bessern Auffindbarkeit der Objekte, die Beschriftungen wurden von Caroline Ocks erstellt (© Christoph Schleßmann, Institut für Konservierung und Restaurierung, Universität für angewandte Kunst Wien, Stift Neukloster Wiener Neustadt)