Erstellt am 3. Juni 2018

Wissen ist Macht: Von der Bestandsaufnahme zum Risk Assessment

Effektive Maßnahmen zur Erhaltung einer Sammlung erfordern die genaue Kenntnis der Situation und der Objekte.

Als ersten Schritt gilt es also den Ist-Zustand zu analysieren. In der Restaurierung erfolgt dies traditionell in Form einer Bestandsaufnahme, in der einzelne Objekte und Objektgruppen beschrieben und Material, Technik und Zustand bestimmt werden.
Darauf aufbauend wird ein Maßnahmenkonzept entwickelt, durchgeführt und dokumentiert. Dieses System kann in einer verschlankten Form auf ganze Sammlungen umgelegt werden. Die Erfassung der Materialien und der Technik macht es möglich, die Umgebungsbedingungen auf die daraus resultierenden besonderen Bedürfnisse der Objekte abzustimmen.
So reagieren etwa Musikinstrumente aus Holz besonders sensibel auf Schwankungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, während Objekte aus Metall davon wenig beeinträchtigt werden, bei hoher Luftfeuchtigkeit jedoch zu korrodieren beginnen. In Bezug auf die Technik kann das im Fall von Paramenten mit schweren Goldstickereien bedeuten, dass sie nicht hängend sondern liegend aufbewahrt werden sollten, weil sie auf Dauer ihr eigenes Gewicht nicht tragen können.

Zur Beurteilung des Zustands hat es sich in der Praxis bei der Bearbeitung von größeren Objektgruppen als besonders sinnvoll erwiesen, klare Kategorien einzuführen. So benutzt das Institut für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst Wien drei Kategorien, die sich am konservatorischen Handlungsbedarf orientieren und nicht etwa an der „Ausstellungsfähigkeit“ der Objekte:
„Gut“ bedeutet, dass das Objekt langfristig stabil ist.
Bei „mittel“ sind bereits Schäden oder Alterungserscheinungen zu erkennen.
In der Kategorie „schlecht“ besteht akuter konservatorischer Handlungsbedarf.

Durch diese Klassifizierung sollen zukünftig zu tätigende Maßnahmen nach Prioritäten geordnet werden. Dieser traditionelle Ansatz der Bestandsaufnahme, der immer vom Objekt ausgeht, wird unterstützt durch eine Analyse der Umgebungsbedingungen, die dann eine Identifikation von Schadensursachen und möglichen Risiken für die Sammlung erlaubt. Beobachtungen zur Umgebung werden etwa zunächst in Form eines Rundgangs durch das Depot/das Museum gesammelt: Wie ist das Gebäude aufgebaut? In welchem Stockwerk befinden sich die Sammlungsräume? Im Dachboden? Im Keller? Im ersten Stock? Woraus setzt sich die Einrichtung zusammen?
Dazu kommen Faktoren, die sich nur durch Gespräche mit allen Beteiligten, Recherchen oder Messungen klären lassen. Wie ist das Raumklima? Gibt es Personal, das für die Sammlung zuständig ist? Wie groß ist die Erdbeben- und Flutwahrscheinlichkeit am Standort? Gibt es interessante Punkte in der Geschichte des Museums? Etwa bauliche Veränderungen?

In den letzten 20 Jahren wurde zum Zweck der Risikoabschätzung im musealen und denkmalpflegerischen Kontext ein Instrument aus der Betriebs- und Versicherungswirtschaft eingeführt: das sogenannte Risk Assessment.
Das Risk Assessment geht von konkreten Schadensereignissen aus und beurteilt deren Eintrittswahrscheinlichkeit und deren Schädigungspotenzial für die Sammlung. Im ersten Schritt werden relevante Risiken und Schadensursachen ermittelt (die wichtigsten sind im vorherigen Blog genannt), dann wird die Gefährdung bewertet, wobei sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit als auch das mögliche Schadensausmaß ermittelt werden.
Im nächsten Schritt erfolgt die Erfassung der Risikobewertung in Zahlen, um diese dann objektiv miteinander zu vergleichen. So kann entschieden werden, welche Maßnahmen Priorität haben.
Dieses schematische System, das online und in der Literatur eingehend beschrieben ist und das immer an die spezifische Situation angepasst werden muss, hat einige Vorteile: Es gibt eine Struktur, um über ein Problem nachzudenken, hilft Lösungen zu finden und diese zu kommunizieren. Jedoch kann ein Risk Assessment weder das Urteilsvermögen erfahrener Restauratorinnen und Restauratoren oder Museumsmitarbeiter/innen noch die Durchführung von an Objekten und Sammlungen notwendigen Maßnahmen ersetzen.
Was bleibt: Um selbst die Situation einer Sammlung zu beurteilen und Entscheidungen über adäquate Maßnahmen zur Erhaltung zu treffen, ist es wichtig, Zustand, Material und Technik der vorhandenen Objekte, das Museumsgebäude, die Räumlichkeiten und die dort herrschenden Umgebungsbedingungen für die Sammlung zu kennen, und davon ausgehend die gefährlichsten Schadensursachen und Risiken für die Objekte zu identifizieren.
Das Vorgehen nach einem System kann dabei eine große Hilfe sein, muss sich aber nicht zwangsläufig in Zahlen ausdrücken.

Johanna Runkel, Universität für Angewandte Kunst, Wien


Weiterführende Informationen
– Michalski, S., The ABC Method: a risk management approach to the preservation of cultural heritage, in: https://www.canada.ca/en/conservation-institute/services/risk-management-heritage-collections/abc-method-risk-management-approach.html, update 12.9.2017.
– Jeberien, A., Risk Assessment für den Kulturgüterschutz? Frameworks, Risikoanalysen und das System Waller, in: Preventive Conservation. Beiträge des Workshops Preventive Conservation am 1. März 20017 an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Berlin 2007
– Ashley-Smith, J., Risk Assessment for Object Conservation, Rochester 1999.
Biber, A., Präventive Konservierung und Risikoanalyse im Gefechtsturm Arenbergpark, Diplomarbeit, Institut für Konservierung und Restaurierung, Universität für angewandte Kunst Wien 2012

Fotos:  Stefan Olah, Institut für Konservierung und Restaurierung, Universität für angewandte Kunst Wien, Stift Neukloster, Wiener Neustadt.