Erstellt am 10. November 2017

Ein Museum für alle – alle für ein Museum

Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln von Kulturgut sind die Hauptaufgaben eines Museums.

Was tun, wenn eine Gemeinde zwar über zahlreiches historisch und volkskundlich relevantes Material verfügt, dieses auch gerne zugänglich machen will, es aber noch kein Museum dafür gibt? Das Sammeln und Bewahren also den Privatsammlerinnen und -sammlern überlassen? Oder aber die Initiative ergreifen und mir nichts dir nichts selbst ein Museum gründen?! Hört sich wagemutig an, ist es auch!

Und trotzdem hat sich 1991 eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern in Jenbach dazu entschlossen, selbst die Zügel in die Hand zu nehmen und einen Verein zu gründen, um „alte Dinge“ als historische Zeugen für die regionale Wirtschaft und Kultur für die Allgemeinheit zu erhalten. Anfangs dachte man dabei vor allem an das Schaffen von Bewusstsein für die regionale traditionsreiche Geschichte der Sensenerzeugung. Von der Gemeinde gab es von der ersten Stunde an Unterstützung für das ambitionierte Projekt. Nach langer Planungsphase, die auch von Kritik aus der Bevölkerung begleitet war, war die Freude umso größer, als Jenbach sein eigenes Museum 1996 eröffnen konnte.

Anfangs waren im Verein 10 Personen im Kernteam, die sich gänzlich ehrenamtlich engagierten, aber die Unterstützung durch die restliche Bevölkerung wuchs rasch. So konnten die Ausstellungsinhalte, die sich anfänglich vor allem um die Jenbacher Industrie drehten, um weitere Bereiche, wie Naturgeschichte, Skisport, Jenbachs Verbindung zu Südtirol, historisch bedeutsame Jenbacher und eine Bahnausstellung aufgrund der Sonderstellung Jenbachs als Verkehrsknotenpunkt mit drei verschiedenen Spurweiten, erweitert werden.

Damit nun aber auch für die lokale Bevölkerung der Anreiz, in das eigene Museum zu kommen, Aufrecht bleibt, zeigt man jedes Jahr eine Sonderschau. So gibt es immer schon im Vorhinein Anfragen zum nächsten Ausstellungsthema und notwendigen Leihobjekten. Nicht selten beteiligen sich private Sammler/innen an der Umsetzung und geben ihre Schätze gerne als (Dauer-)Leihgaben.

Die Funktionen im Verein wurden zwar von Anfang an klar aufgeteilt, aber wie es sich für motiviertes ehrenamtliches Engagement versteht, packen alle unabhängig von den zugeteilten Aufgaben überall mit an.
Das Museum wird bis heute gänzlich ehrenamtlich erhalten. Manche der „Veteranen“ der ersten Stunde sind ihrem Projekt bis heute treu.

Es wäre von Anfang an klar gewesen, dass sie das ehrenamtlich machen, aus Liebe zur Kultur und zu Jenbachs „alten Dingen“, berichtet Erika Felkel, die bis heute eine Art Schnittstellenposition inne hat.
Einige Freiwillige übernahmen die angebotenen Führungen, andere machen wiederum die Aufsicht und es gibt auch jemanden, der sich gezielt um die Werbung kümmert und Prospekte verteilt. Ein Jenbacher, der als Reporter bei einer Tageszeitung arbeitet, kümmert sich neben den üblichen Einschaltungen in Zeitungen und den Beiträgen im Rundfunk, viel um die Pressepräsenz des Museums.
Die Jenbacher stehen voll hinter ihrem Museum und dem Museumsteam, so zählt der Museumsverein inzwischen 500 Mitglieder.

Die thematischen Anregungen und Ideen zu den Sonderausstellungen holen sich die Vorstandsmitglieder des Museumsvereins z. B. am jährlichen Tiroler Museumstag, aber auch durch Bekanntschaften mit Privatsammlerinnen und -sammlern. Kommunikation ist dabei alles. So finden sich im Gespräch Leihgeber/innen und diese freuen sich wiederum über das Interesse an ihrer Leidenschaft. Leihgaben für das Museum erfolgen damit alle freigiebig und kostenlos. Gemeinnütziges Engagement scheint ansteckend zu sein!

Bei der gemeinschaftlichen Umsetzung von Sonderausstellungen stehen zahlreiche Freiwillige zur Seite. Man hilft mit, wo man nur kann, denn die gesamte Bevölkerung sieht den Sinn am Erhalt der historischen Objekte. Auch der Tischler im Ort zieht die Arbeiten für das Museum gerne vor, wenn es mal schnell gehen muss.

Immer wieder melden sich neue Interessierte, die sich am Museumsprojekt beteiligen wollen. Das Interesse an der Ortsgeschichte, und somit an den eigenen Wurzeln, und dem historischen Gut ist für viele der Antrieb, sich zu beteiligen. Viele der Ehrenamtlichen befinden sich im Ruhestand und freuen sich, in der gewonnenen Zeit etwas Sinnvolles für die Gesellschaft tun zu können und sich dabei auch noch für etwas zu engagieren, das sie persönlich interessiert.

Alles in allem kann man im Jenbacher Museum mit der Arbeit und dem Einsatz der Freiwilligen sehr zufrieden sein, alles funktioniert sehr unkompliziert. Wie gut diese Bürgerinitiative greift, zeigt auch das Engagement von Museumsbesucherinnen und -besuchern selbst, wenn sie sich bei anstehenden Reparaturen einbringen. Die Jenbacher Bevölkerung betont die Wichtigkeit ihres Museums als Kulturgut neben der Kirche und kulturellen Sehenswürdigkeiten. Denn hier können sie ihren eigenen Wurzeln nachgehen, sie neu entdecken und erforschen.

Die Pflege der gewonnenen (Museums-)Gemeinschaft und der Zusammenhalt stehen absolut im Vordergrund. Alle Helfer*innen werden zu gemeinsamen Essen oder Ausflügen eingeladen, was die Gruppe umso mehr zusammenschweißt. Es handelt sich eben nicht um eine elitäre Gruppe, sondern um eine ständig wachsende Community, die kontinuierlich gepflegt wird. So soll das Vorhaben, das Museum durch den Einbau eines Lifts barrierefrei zu machen, von den Bürger*innen gemeinschaftlich finanziert werden, ganz unter dem Motto: „Ein Museum für alle – alle für ein Museum“.

Carina Hutter, Kunsthistorikerin, Graz


Fotos: Jenbacher Museum

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