Erstellt am 15. Oktober 2017

„Man kriegt einfach einen anderen Horizont“. Grete Gruber und das Ehrenamt als Lebensstil

Ein verregneter Dienstag im Stadtmuseum Judenburg. Wie jede Woche sitzt Grete Gruber vor dem Computer und transkribiert historische Dokumente aus dem umfangreichen Archivbeständen des Stadtmuseums. Seit einiger Zeit beschäftigt sie der Tätigkeitsbericht der Stadtwache aus der NS-Zeit. „Hier, 1941: eine 16jährige ist ins Kino gegangen und angezeigt worden, wegen Übertretung der Polizeiverordnungen zum Schutz der Jugend“, liest sie kopfschüttelnd vor. Raufhändel, randalierende Betrunkene, Diebstähle; die Fälle unterscheiden sich nicht grundlegend von der heutigen Zeit. Neben dem Sammeln, Erforschen, Bewahren und Vermitteln in Dauer- und Sonderausstellungen, übernimmt das Museum auch eine umfangreiche Dokumentations- und Archivfunktion für die Stadt.

Eine Arbeit, die bereits in den 1950ern begonnen wurde und sich in einem vielfältigen Schriften- und Bildarchiv niederschlägt. Dazu kommen noch die Bestände des historischen Stadtamtsarchivs bis zum Jahr 1945, das mehr als 8.000 Aktenkonvolute umfasst und im Museum systematisch für weitere Forschung aufbereitet wird.

Die Arbeit mit den Quellen ist eine der Lieblingsbeschäftigungen von Grete Gruber hier im Haus. An den historischen Dokumenten sind für sie vor allem die Menschen interessant, die aus den Berichten lebendig werden. Manchmal ist auch ein Stück der eigenen Geschichte dabei: „In einem Bericht aus dem Jahr 1932 habe ich meinen Vater gefunden, leider war die Handschrift fast nicht zu entziffern, da war dann die Frau Krotschek ein große Hilfe, die hat es lesen können.“

 

 

In multi-freiwilliger Funktion tätig

Im Gespräch mit Grete Gruber fallen immer wieder die Namen anderer Menschen. Das ist kein Wunder, gehört sie doch selbst zu den bekanntesten Gesichtern in der Stadt. Bis 2011 war sie Bürgermeisterin von Judenburg, schon davor langjährige Gemeinderätin und das soziale Engagement und ehrenamtliche Arbeit sind schon seit der Jugend ein wichtiger Teil ihres Lebens. Aufgeteilt auf je einen wöchentlichen „Kultur-“ und einen „Sozialtag“, widmet sie sich der Arbeit in der KZ-Gedenkstätte Bretstein, hilft im lokalen Vinzimarkt aus, ist Teil einer Strickgruppe für Babykleidung und erleichtert Demenz- und Schmerzpatienten die Wartezeit in der Ambulanz des Krankenhauses.
Viel zu tun ist im Arbeitskreis Falkenberg, der im kommenden Jahr ein Museum zu den eisenzeitlichen Ausgrabungen in Strettweg bei Judenburg in der Stadt eröffnen wird. Hier im Stadtmuseum gehört sie als Schriftführerin zum Vorstand des Museums und ist darüber hinaus – eigentlich schon selbstverständlich – auch ehrenamtlich tätig.

Die ehrenamtliche Arbeit verändert die Menschen

Bei all ihren Aktivitäten sind ihr die Menschen das Wichtigste und im Stadtmuseum sieht sie daher auch primär einen Ort für menschliche Begegnungen: „Es ist eine ganz wichtige Institution für die Stadt, man hat hier eine Art historischen Markplatz, an dem viel Austausch passiert. Einerseits an historischem Wissen, an Ideen für das Haus und die Stadt und es sind auch schon viele gemeinsame Initiativen aus dem Zusammenkommen hier entstanden.
Wichtig ist immer zu wissen: Wer kann was? Wo bekomme ich Hilfe? Aber auch: wer braucht Hilfe?“ fasst sie ihre Auffassung von ehrenamtlichen Engagement zusammen. Dass das viel Zeit in Anspruch nimmt, gibt Gruber zwar zu, aber die sei gut investiert. Die freiwillige Arbeit verändere die Menschen. „Man bekommt einen anderen Horizont, wird offener. Ich beobachte immer wieder, dass die Menschen die sich ehrenamtlich engagieren, die zufriedeneren Menschen sind.“

Über die Zeiten hinweg lebendig

Beim gemeinsamen Rundgang durch die Dauerausstellung landen wir wie selbstverständlich bei der Replik des Strettweger Kultwagens, die im Stadtmuseum zu sehen ist. Rund 2.700 Jahre liegen zwischen uns und den Menschen, die das Original geschaffen haben. Wir kennen die Geschichte der Auffindung, dank der jüngsten Ausgrabungen wissen wir auch mehr zu der großen hallstattzeitlichen Siedlung, die hier bestanden hat, der genaue Verwendungszweck des Wagens bleibt aber unbekannt. Sich dem Wagen als Museumsobjekt auszusetzen, regt die Phantasie an. Hatten die Figuren des Wagens eine religiöse Bedeutung? Wer hat den Wagen hergestellt? Was für ein Bild haben sich die damaligen Menschen von der Welt gemacht?

Die Möglichkeit anhand eines ausgestellten Objekts eine so lange Zeitspanne zu überblicken, fasziniert Gruber: „Für mich werden in diesem Objekt die Menschen über die Zeit hinweg lebendig, das berührt mich. Und deswegen komme ich auch immer wieder gerne her. Ganz freiwillig“, setzt sie mit einem Lachen hinzu.

Philipp Odelga, Studierender, Universität Graz / ehrenamtlicher Mitarbeiter, Stadtmuseum Judenburg


Fotos: Philipp Odelga

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