Erstellt am 4. Juli 2017

Texte in Ausstellungen und Ausstellungen als Texte. 1

Texte sind eine Selbstverständlichkeit. Sie werden von den Besucherinnen und Besuchern erwartet und – zumindest teilweise – auch gelesen. Kuratorinnen und Kuratoren schreiben ihre Texte, wenn auch meist eher lustlos und immer unter dem Diktat der Zeit. Die Gestalter/innen bringen sie als wenig geliebte, aber unverzichtbare Elemente in der Ausstellung unter.

Inzwischen sind Ausstellungstexte jedoch ein Thema geworden. Das Ende der Selbstverständlichkeit begann mit der Forderung nach Verständlichkeit. Bis vor zwei, drei Jahrzehnten hatte sich darüber kaum jemand Gedanken gemacht. Erst als Museen und Ausstellungen ein anderes Publikum ansprachen als ein rein bildungsbürgerliches, stellte sich die Frage nach der Funktion und Qualität von Texten. Solange es bloß um Vermittlung und Bestätigung von kanonisiertem Wissen ging, konnte man sich damit begnügen, wissenschaftliche Texte für interessierte Laien „aufzubereiten“.

Reflexion und Kritik an der Sprache setzte ein, als sich Museen von Bildungsorten in Massemedien und Erlebnisfabriken zu verwandeln begannen. Die plausible Forderung lautete: Verständlichkeit. Erreicht werden sollte das aber ausschließlich auf der Textoberfläche, und zwar indem man die Merkmale des Wissenschaftsstils – Fachausdrücke, lange und komplizierte Sätze, Passivkonstruktionen, Einschübe – strikt vermied.

Im Jahr 2002 erschien der bisher einzige deutschsprachige Ratgeber zum Schreiben von Ausstellungstexten (E. Dawid, R. Schlesinger: Texte in Museen und Ausstellungen. Ein Praxisleitfaden. Bielefeld: transkript: 2002). Bei allen Verdiensten um Verständlichkeit, wo laienhafte Sprachkritik auf dogmatische Stilkunde trifft, sind grobe Missverständnisse vorprogrammiert:

1. Die Funktion von Texten wird auf bloße Information reduziert.
2. Die Vorstellung einer „technischen“ Verständlichkeit ignoriert die Wirkung sprachlicher Ressourcen.
3. Manche Insider glauben, die Qualität von Texten ließe sich mit einer Handvoll Regeln angemessen beurteilen.

Bei Anweisungen wie „Passive Verbalformen sind ausnahmslos verboten“ erübrigt sich denn ja jede Diskussion – eigentlich sogar das Schreiben …

Inzwischen hat sich das Wissen über die Funktion von Texten in Museen aber entscheidend verändert. Sprache gilt als wesentliches Mittel der Ausstellungskommunikation. Fragen, wer da eigentlich mit wem und worüber spricht, in welchem Auftrag und in welchem Interesse, kurz: die gesellschaftliche Rolle von Museen ist Gegenstand zahlreicher Tagungen und Publikationen. Dazu kommt, dass auch Disziplinen wie die angewandte Linguistik oder die Semiotik einiges darüber zu sagen haben, was Texte in Ausstellungen leisten, was deren Qualität ausmacht und wie man sie herstellt.

In der Praxis der Textgestaltung ist davon allerdings noch nicht allzu viel angekommen. Vielen Texten merkt man deutlich an, dass sie irgendwann als Nebenprodukte abgefallen sind, und „Verständlichkeit“ gilt weiterhin als Optimum. Aber müssen Texte nicht mehr sein als nur nicht unverständlich? Und geht es beim Schreiben vielleicht nicht eher um Optionen als um Regeln und Verbote?

Michael Huter, Autor, Herausgeber und Verleger, Wien

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