Erstellt am 21. Juni 2017

Einblicke und Ausblicke zum Thema Ehrenamt in der steirischen Museumslandschaft

Der steirische Museumsverband MUSIS ist die zentrale Anlaufstelle für steirische Museen und Sammlungen. 2017 feiert er sein 25jähriges Bestehen. Hauptziele sind hierbei wirksame und gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, Personalschulungen sowie die stetige Verbesserung einer besucherfreundlichen Museumslandschaft.
Anna Dittrich hat sich auf einen Kaffee mit Mitbegründerin wie Geschäftsführerin Evelyn Kaindl-Ranzinger getroffen und über ihre Erfahrungen mit ehrenamtlich Tätigkeiten im Museum gesprochen.

Anna Dittrich (AD): Engagieren Sie sich auch ehrenamtlich und wenn ja, aus welchem Antrieb?
Evelyn Kaindl-Ranzinger (EKR): Meine Tätigkeit im Museumsbund Österreich z. B. mache ich ehrenamtlich, da ich gerne meine Kompetenzen und Erfahrungen im Museumsbund einbringe. Außerdem engagiere ich mich für das Diözesanmuseum Graz engagiere, dieses Museum und seine Themen sind mir ein besonderes Anliegen ist. Oft fragen mich die Leute, woher ich die Energie dafür nehme … Aber das liegt einfach daran: Wenn man sich selbst etwas sucht, wenn man selbst etwas mit Begeisterung beginnt, dann zieht man das auch durch.

AD: Welche Tätigkeiten übernehmen Sie dabei?
EKR: In der Regel arbeite ich im Museum in ein paar kleinen Teilbereichen, wobei ich hauptsächlich an der redaktionellen Arbeit und Textgestaltung bei Ausstellungen mitarbeite. Ich bin der Meinung, dass die Rezeption bzw. die Möglichkeiten der Rezeption von Ausstellungen und Museen verbessert werden müssen – und das geht über die Sprache.

AD: Da Sie als freiberufliche Kuratorin und Konzeptentwicklerin arbeiten, würde mich interessieren, haben Sie auch schon ehrenamtlich kuratiert?
EKR: Unterschiedlich. Ich habe auch schon ehrenamtlich kuratiert, aber das mache ich dann wirklich nur bei Projekten, die mich privat echt begeistern, für die ich mich engagiere.

AD: Wie vereinbaren Sie ihr ehrenamtliches Engagement mit Ihrem Alltag?
EKR: Das ist zeitlich begrenzt. Ich weiß, wann eine Ausstellung beginnt und dann ist das meistens schon etwas unter Zeitdruck, insbesondere vor der Drucklegung der Texte. Ich finde es aber gut schaffbar. Einfach in den Abendstunden, gemütlich hinsetzten, gemütlich lesen und dadurch, dass ich es sehr gerne mache und auch etwas Routine darin habe, geht das relativ flott. Normalerweise sind diese Aufträge auf zwei Wochen begrenzt und finden durchschnittlich zwei Mal im Jahr statt.

AD: Welche Rolle übernehmen die ehrenamtlichen Mitarbeiter in der steirischen Museumslandschaft?
EKR: Die steirischen Museen werden zu rund 75 % ehrenamtlich geführt. Das ist ein Bild, das sehr viele nicht vor sich haben. Museumsarbeit, in den Regionen und auch in den Städten, wird überwiegend ehrenamtlich durchgeführt, vor allem weil die Städte nicht bereit sind, dafür ausreichend Geld abzustellen.

AD: Kurzgesagt: Wie sähe die Lage der Museen ohne ehrenamtliche Mitarbeiter aus?
EKR: Die Museumslandschaft in der Steiermark wäre reduziert auf eine Handvoll Museen.

AD: Wo liegt der Altersdurchschnitt bei ehrenamtlich Engagierten?
EKR: Ich weiß den Schnitt jetzt nicht in Zahlen, aber die Mehrheit der ehrenamtlich Engagierten ist definitiv jenseits der 60. Also eher Menschen im dritten Lebensabschnitt und Pensionisten.

AD: Wie würden Sie ehrenamtliche Tätigkeiten definieren, gibt es Ideen um bevorzugt auch die jüngeren Generationen anzusprechen?
EKR: Genau das wandelt sich gerade. Ehrenamt generell – im Museumswesen müssen wir das noch lernen – ist häufig eine projektdefinierte, zeitlich begrenzte Sache. Und das wird immer mehr. Damit kann man auch noch viel mehr jüngere Menschen ansprechen, die nicht die großen Zeitressourcen, aber Interesse und Know-how haben und die sich vielleicht auch gerne in einer neuen sozialen Umgebung bewegen wollen. Und ich nenne da wirklich das Spektrum von Schülerinnen und Schülern ganz bewusst, die sich über eine ehrenamtlich Tätigkeit Zusatzkompetenzen aneignen und ihre eigenen Fähigkeiten austesten können. In anderen Ländern ist vieles ganz anders. Dort kann man sich sogar über ehrenamtliche Projekte ECTS-Punkte holen.

AD: Gibt es in Ihren Augen in der Organisation und Umsetzung der Koordination von Ehrenamtlichen  „Problemzonen“ und haben Sie dafür Verbesserungsvorschläge?
EKR: Wir beim MUSIS werden einen Lehrgang für Koordination von Ehrenamtlichen für die Regionen beginnen. Meine Traumvariante ist immer noch, dass Gemeindeverbände eine Person anstellen, die in der Region die ehrenamtliche Arbeit koordiniert. Diese würde die Arbeitsleistung zu einem x-fachen multiplizieren. Und nicht nur die Arbeitsleistung, sondern es geht auch darum, dass in den Regionen ein hohes Potenzial an Menschen da ist, denen Sozialkontakte fehlen, die aber Know-how haben und das gerne weitergeben, die Zeitressourcen, aber auch Bedürfnisse haben, die sie über die ehrenamtliche Arbeit abdecken können. Graz hat so etwas ähnliches, nur online. Es gibt eine Kontaktstelle sowie eine Ehrenamtlichen-Börse, auf der man sich als Verband oder Verein, der Ehrenamtliche sucht, registrieren kann und dort dann sich selbst und die Tätigkeitsbereiche beschreiben. Die Zugriffe werden immer mehr. Leider sind wir bislang nur sehr wenige Anbieter im Bereich Kultur, die dort registriert sind. Das meiste sind eigentlich größere Organisationen, wie das Rote Kreuz, die Caritas, die Volksbeihilfe, soziale Einrichtungen und aktuell ganz stark die ganzen Flüchtlingsorganisationen.

AD: Haben Sie zu diesem Thema Zukunftsvisionen?
EKR: Dass ehrenamtliche Arbeit endlich wirklich als Arbeit für das Gemeinwohl und die Gesellschaft gesehen wird. Nämlich sozial im wechselseitigen Sinn, wie ich es Ihnen beschrieben habe. Und dass mehr solche Projekte angeleitet werden.

Anna Dittrich, Studierende an der FH Joanneum “Ausstellungsdesign”


Fotos: Evelyn Kaindl-Ranzinger mit dem Team von MUSIS (Foto: MUSIS)

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