Erstellt am 30. Mai 2017

The Big Picture – Max Sikora und die Bilder

Die Fotosammlung des Stadtmuseums Judenburg mit ihren mehr als 70.000 Fotografien, Fotoplatten und Negativen ist ein wichtiges Arbeitsfeld des Museums. Innerhalb des letzten Jahres wurden zwei Sonderausstellungen aus diesen Beständen gestaltet: 2016 „Kinder der Stadt“, die Kindheit und Jugend im Judenburg der 1960er und 1970er thematisierte und von Oktober 2016 bis April 2017 die Ausstellung „Stadtfinden“, die alte und neue Häuser- und Stadtansichten nebeneinanderstellte, um Kontinuität und Brüche in der Stadtentwicklung vor Augen zu führen. Mastermind dieser jüngsten Ausstellung war der 59jährige Max Sikora, der sich bei seiner ehrenamtlichen Arbeit intensiv mit den Bildern des alten Judenburg und seiner Menschen auseinandersetzt.

Reise in die eigene Biographie

Ins Museum gekommen ist er als Besucher, „Kinder der Stadt“ hat ihn persönlich interessiert. Als gebürtigen Judenburger hat ihn die Ausstellung angeregt, über die Bilder neue Zugänge zur Zeitgeschichte zu finden. Besonders interessiert ihn dabei Arbeitergeschichte und auch die Geschichte der Bildung, Felder, die seiner Meinung nach in der offiziellen Darstellung von Geschichte und in Museen oft zu kurz kommen: „Ich bin ja ein verkappter Historiker und bei der Ausstellung habe ich mir dann gedacht, das geht auch noch anders“. Also fährt er nun regelmäßig aus dem Waldviertel in seine frühere Heimatstadt und durchforstet die Fotosammlung nach interessantem Material. Es ist nicht nur eine Reise in die Vergangenheit der Stadt, sondern auch in die eigene Biographie. „Ich bin ja nach meiner Jugendzeit nach Wien gezogen und war dann nur selten hier. Die Beschäftigung mit den Bildern ist auch Weg, mir Judenburg wieder zugänglich zu machen.“ Die Stadt auf den Bildern ist so, wie er sie in Erinnerung hat. „Ich weiß nur nicht, wann die Farbe dazugekommen ist“, grinst er. Schön findet er auch den eher dürftigen Zustand vieler Häuser auf den alten Fotos. „Das war früher normal, man hat einen dicken Oberputz gehabt, der das Haus geschützt hat. Der ist dann nach und nach abgebröckelt, irgendwann hat man ihn neu gemacht. Heute lässt das niemand mehr zu, man will den Verfall nicht mehr sehen“, übt er sich ein wenig in Kulturpessimismus.

Die Menschen ins Museum bringen

Eines der Hauptanliegen von Sikora ist es, die Inhalte des Museums bekannt zu machen und die Menschen der Stadt ins Museum zu bringen. Das gelingt ihm auch ganz hervorragend: „Es ist ja so, man sagt immer, man müsste etwas tun. Und manchmal tue ich dann wirklich etwas!“ Also gründete er eine Facebookgruppe, um erfolgreich Geld für einen neuen Scanner zu sammeln und arbeitet derzeit an der laufenden Digitalisierung der Bestände mit. Interessantes Material daraus wird ebenfalls auf Facebook gepostet, die Digitale Retrospektive Judenburg mit rund 2.300 Abonnenten und Teilnehmern dient als Plattform für die Präsentation der Fotobestände. Dabei hat sich durch den Austausch der Mitglieder eine interessante Dynamik entwickelt, die auch neues Verständnis für den Raum und die Menschen der Region erzeugt. Die Bilder der Sammlung dienen als Katalysator der Diskussionen anregt, die Gruppenmitglieder posten Privataufnahmen und so wird hier gemeinsam lokale Erinnerung verhandelt. Die teilweise intensive Kommunikation war für Sikora mit ein Grund die Ausstellung „Stadtfinden“ zu gestalten, die nach der Zeit im Museum jetzt auch im Seniorenheim der Stadt zu sehen ist.

Dass sich so viele Menschen für die alten Fotos interessieren, findet der „Macher“ toll, die Social Media Aktivitäten seien aber kein Selbstzweck: „Das Museum mit seinen Sammlungen hat ja einen konkreten Wert für die Menschen. Wenn ich die Bilder online stelle, wenn ich sie auch hier ausstelle, kann ich das dann auch konkret zeigen.“ Dafür würden sich Bilder natürlich bestens eignen, sie brächten Menschen zum Reden und Erzählen. „Man muss sie locken, wie Vögel“, lacht Sikora, der schon für die nächste Ausstellung recherchiert, diesmal werden Kinderporträts das Thema sein.

Das Objekt als Zeuge seiner Umstände

Bei der Vorbereitung dazu fasziniert ihn auch die Geschichte hinter den Bildern. Die historischen Bedingungen des Fotografierens führen dazu, dass die Objekte der Fotosammlung in erster Linie eine bürgerliche und bäuerliche Geschichte erzählen. „Diese Porträts sind natürlich gestellte Bilder, die ein Kindheits- oder Jugendideal abbilden. Das lässt zum Beispiel auch Verbindungen zu Erziehungs- und Bildungsvorstellungen zu.“, erklärt Sikora mögliche Verknüpfungen für die Ausstellung. Die Vorarbeit dafür ist umfassend, es muss eine große Menge an Material gesichtet und das Passende gefunden werden, dazu kommen noch Überlegung zu ergänzenden Objekten, Texten und möglichen Kontrapunkten. 200 Ausstellungsstücke sollen es am Ende werden. Das ist viel Arbeit, die für Max Sikora aber auch lustvoll ist: „Es ist toll, die definierte Sammlung zu durchforschen, zu schauen was da ist und sich auch zu überlegen was aus diesen Objekten rauszuholen ist.“ Inhaltlich, aber auch für das Museum, schließlich soll auch diese Ausstellung wieder möglichst viele Menschen anlocken.

Philipp Odelga, Studierender, Universität Graz / ehrenamtlicher Mitarbeiter, Stadtmuseum Judenburg


Fotos: Philipp Odelga

TeilenTweet about this on TwitterEmail to someoneShare on Facebook