Erstellt am 30. Mai 2017

Herr Weber und die Liebe zum Detail – ehrenamtliche Museumsarbeit als akribisches Geduldsspiel

Horst Weber hat eine Liste vor sich liegen. Auf dieser Liste sind Objekte aufgelistet. Objekte mit alten Inventarnummern und daneben neue. Die überträgt er in die Datenbank des Stadtmuseums, Ziffer für Ziffer. Es ist keine besonders interessante Arbeit, das gibt Herr Weber auch zu: „Nein, es ist nicht interessant“. Dann lacht er. Wie bei vielen Arbeiten im Museum steht auch hier unterm Strich das allgemeingültige „Irgendwer muss es ja machen“.

Aber warum gerade Herr Weber? Damit ihm nicht langweilig wird, meint er.

Ehrenamt? „Damit mir nicht langweilig wird“

Horst Weber ist pensionierter kaufmännischer Angestellter, wie so viele Judenburger hat er den Großteil seines Arbeitslebens „im Werk“ verbracht, dem Edelstahlwerk am anderen Murufer, dem einstmals größten Arbeitgeber der Stadt und Region Oberes Murtal. Zur ehrenamtlichen Arbeit im Stadtmuseum Judenburg ist er eher zufällig gekommen: „2013 bin ich einmal bei einer Ausstellungseröffnung an der Kasse eingesprungen, das hat mir gefallen, da habe ich gefragt, ob es nicht auch sonst etwas zu tun gibt und so hat‘s angefangen“ erzählt er, besser als daheim herumzusitzen sei es allemal und für alte oder kuriose Dinge habe er sich schon immer begeistern können. Ein Naheverhältnis zu Museen hat er auch durch seine eigene künstlerische Arbeit, besonders gefällt ihm deshalb der reiche Bestand an Bildern von Judenburger Künstlern und Motiven der Stadt die das Museum ausstellt. Beeindruckt hat ihn die letzte Ausstellung zu Hinterglasmalerei hier im Haus. Sein Lieblingsobjekt neben der Kunst ist das große Stadtmodell im Erdgeschoß: Nach einem barocken Votivbild gestaltet, zeigt es die Stadt noch mit Stadtmauer, der imposante Stadtturm hat eine ungewohnte Zwiebelhaube auf. Interessant ist, wie wenig sich seit damals verändert hat: „Im Prinzip schaut die Stadt heute noch so aus. Mit dem Modell wird einem das wirklich vor Augen geführt.“, sagt Horst Weber bevor es zurück an die Arbeit geht.

Akribischer Arbeiter im Hintergrund

Worin besteht seine Arbeit nun aber im genauen? Das Stadtmuseum hat das Problem, dass der Löwenanteil seiner Inventarbücher aus den 1950ern stammt. Zwar ist alles genau festgehalten worden, allerdings mit dickem Kugelschreiber in Kurrentschrift, dazu noch sehr klein, um Platz zu sparen. So sind viele Einträge nur mit viel Mühe, einer starken Lupe und sehr viel Zeit zu identifizieren. Bei der Anlage der neuen Datenbank vor ca. zwei Jahren wurde daher beschlossen, neue Nummernkreise anzulegen und den bis dahin in einem Fonds geführten Gesamtbestand in Sachgruppen zu gliedern. Objekte zu Objekten, Bücher zu Büchern, Fotografien zu Fotografien und so weiter. Diese Aufteilung wird nun arbeitsteilig ins digitale Zeitalter übertragen. Der ehrenamtliche Mitarbeiter Gerhard Emmersdorfer leistet die akribische Entzifferung der alten Einträge, die Sekretärin des Museums, Frau Fluch, legt die aufgeschlüsselten Listen an, Herr Weber gibt sie ins System ein. Insgesamt verbringt er acht Stunden in der Woche hier, für den 77jährigen eine intensive Aufgabe, die Arbeit mit dem Computer ist langwierig und anstrengend für die Augen. Interesse an anderen Bereichen wie Führungen hat er eher nicht: „Ich mache lieber die Arbeit im Hintergrund“, meint er.

„Mein Aufgabenbereich ist alles“

Sehr viel Arbeit hat Weber insbesondere bei der Digitalisierung der Fotosammlung geleistet. Rund 70.000 Fotos umfassen die Bestände der Bestand des Museums, darunter umfangreiche Nachlässe der Judenburger Berufsfotografen vergangener Zeiten. Das Spektrum der Bildinhalte reicht von Stadtansichten aus dem 19. Jahrhundert über Feste, Feiern und politische Veranstaltungen, bis hin zu Alltagsszenen und Kunstfotografien. Eine unschätzbare Quelle für Forschungen zu Alltagsgeschichte, Stadtentwicklung und politischem Geschehen der ganzen Region, dazu auch eine Quelle der nostalgischen Gefühle für die Fans des Museums. Auf Facebook betreut – ebenfalls ehrenamtlich – Max Sikora die Digitale Retrospektive Judenburg, wo ausgewählte Highlights aus der Sammlung laufend begeisterte „So hat das früher ausgeschaut!?“-Diskussionen auslösen und dem Stadtmuseum auch Besucher bringen, die sonst vielleicht nicht kommen würden.
Dass die Bilder überhaupt ins Netz kommen konnten ist auch das Verdienst von Horst Weber. Innerhalb von zwei Jahren hat er über 8.000 Bilder eingescannt und genauer erschlossen. Quasi nebenbei gehört auch die Inventarisierung von neuen Objekten oder die Sichtung und Betreuung der Bibliotheks- und Archivbestände in sein Ressort: „Mein Aufgabenbereich ist alles“ lacht er, und es stimmt.

Philipp Odelga, Studierender, Universität Graz / ehrenamtlicher Mitarbeiter, Stadtmuseum Judenburg


Fotos: Philipp Odelga

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