Erstellt am 15. November 2016

Okzident trifft Orient im Steirischen Feuerwehrmuseum Groß St. Florian

Die Räume des Steirischen Feuerwehrmuseums Kunst & Kultur in Groß St. Florian werden mit zwei Sonderausstellungen pro Jahr und der Dauerausstellung bespielt. Das Motto „Feuer und Kunst, die explosive Mischung“ findet im Museum anhand von Ausstellungen zum Thema Kunst und Kultur, Ethnologie und auch zeitgenössischer Kunst ihren Platz.
Im Sommer 2016 hat das Museum eine Aktionswoche gestartet, um Flüchtlingen in der Gemeinde eine Plattform zu schaffen, um Einheimische näher kennenzulernen und sich selbst auch vorzustellen.

Carina Schöfl (CS) hat dieses Projekt zum Anlass genommen und mit Anja Weisi Michelitsch (AWM) und Nina Zmugg (NZ) ein Interview geführt:

CS: Wie kam es zur Idee für das Projekt „Okzident trifft Orient“?
NZ: Mit dem Vermittlungskonzept, das wir für dieses Jahr entwickelt haben, wollten wir ganz vor die Tore unseres Museums gehen. Es wohnen Flüchtlingsfamilien in Groß St. Florian und da dachten wir uns, wir könnten so ein Art Begegnungsfest machen, damit wir uns alle kennenlernen können. Wir haben uns hierbei als Drehscheibe zwischen den einzelnen Initiativen im Ort gesehen. In dieser einen Woche wollten wir alle schon bestehenden kleinen Projekte in einem Fest zusammenholen. Es ging in erster Linie um Projekte, an denen Flüchtlinge bereits teilnehmen oder teilgenommen haben – in den Schulen und in den Werkstätten – und auch darum, dass wir selbst Workshops anbieten.

CS: Wie haben diese Workshops ausgesehen?
AWM: Wir haben eine Druckwerkstätte entwickelt, in der wir gemeinsam Rucksäcke bedruckt haben. Wir sehen die Rucksäcke als Symbol für „freiwillige oder unfreiwillige Mobilität“. Um Bezug zu nehmen auf die Herkunftsländer der Flüchtlinge, haben wir einen afghanischen Drachenworkshop organisiert. Dabei haben wir mit dem GrazMuseum zusammengearbeitet und so Kontakt zu einem Drachenbauer aus Afghanistan bekommen, der den Workshop bei uns am Land gestaltet hat. Dieser Workshop wurde von allen –Ortsansässigen sowie Flüchtlingen – sehr gerne besucht, besonders von Kindern.

NZ: Im Rahmen des Projekts wollten wir auch unser Vermittlungsprojekt, das wir im Haus zu Alarmierung, Brandverhütung und Informationen schon haben, in Fremdsprachen übersetzen und nach außen tragen. Wir haben die Feuerwehr vor Ort gewinnen können. Es ist mittlerweile ein Vorreiter-Projekt geworden, da es so etwas noch nicht gegeben hat. Wir haben in der Projektwoche eine Fettbrandexplosion vorgezeigt und die Teilnehmer/innen konnten auch mit Löschdecken üben. Nach der Projektwoche sind wir mit der Feuerwehr direkt in die Wohnsiedlung gefahren – natürlich mit dem Feuerwehrauto – und haben vor Ort die Schulung durchgeführt. Wir haben zweisprachiges Material – Farsi und Arabisch – mitgebracht und einen Übersetzter gestellt. Das Projekt wurde mittlerweile auch schon bei einer anderen Feuerwehren weitergeführt, die wir auch begleitet haben.

AWM: Wir können uns als kleines Haus positionieren, indem wir solche Projekte angehen, aber wir sind auch neutral genug, um Dinge anzustoßen, die sich ein anderer vielleicht nicht zutraut oder machen würde. Die Begegnungsplattform, die wir geschaffen haben, hat sich sehr positiv im Ort weiterentwickelt. Wir haben gemerkt, dass die Akzeptanz gestiegen ist, da dieses Thema davor ein wenig ignoriert wurde. Da wir mit diesem Thema öffentlich auf den Museumsvorplatz hinausgegangen sind, hat man gemerkt, da tut sich etwas und es hat zur Diskussion geführt – nicht nur positiv. Das war natürlich in Ordnung, denn sie hat im Ort einiges bewirkt. Es hat sich eine Theaterrunde mit Flüchtlingen gebildet, zu der Einheimische auch gerne hingehen. Und umgekehrt konnten wir auch einige Familien als Museumbesucher/innen begrüßen.

CS: Gibt es etwas, das ihr vor dem Projekt nicht bedacht habt?
AWM: Wir hätten vermutlich keine Chance gehabt das Projekt umzusetzen, wenn unsere Kollegin nicht Mitglied der Feuerwehr gewesen wäre.
NZ: Wir haben es uns sehr offen gehalten, indem wir alle zu uns eingeladen haben – es waren wirklich 80 Flüchtlinge gleichzeitig im Museum. Wir hatten vorab nicht überlegt, welchen Zugang sie zu Museen haben und wie sie mit Museumsobjekten umgehen. Wir haben uns natürlich sehr gefreut, dass alle so interessiert an den Objekten waren, aber wir mussten diese auch ein wenig schützen, da nicht alle Objekte berührt werden können. Wir hatten nicht bedacht, dass viele noch nie in einem Museum waren und auch nicht wissen, wie man sich dort verhält und wie man mit den Ausstellungsobjekten umgeht. Diese große Neugierde hatten wir nicht erwartet, das war wirklich toll. Ein Beispiel: Ein Kind hat sich auf ein Motorrad gesetzt, das macht dem Motorrad natürlich nichts, aber wir mussten schauen, dass dieses nicht umfällt und jemanden verletzt.
Wir hatten den Ramadan nicht bedacht. Es ging bei dem Fest schon auch ums Essen. Wir haben auf gemeinsamen Beschluss bis Sonnenuntergang mit dem Essen und gemeinsamen Fastenbrechen gewartet. Das hat wirklich gut funktioniert, da sich alle darauf einstellen konnten.

CS: Was bleibt für euch von dem Projekt?
AWM: Es wird leider keine Ausstellung zu dem Thema geben, da wir zu speziell als Feuerwehrmuseum orientiert sind. Wir haben die Vernetzungsfunktion übernommen. In Zukunft möchten wir uns noch mehr mit der Fremdsprachigkeit beschäftigen. Wir hatten Besucher/innen aus Tunesien, die sonst nirgends in der Steiermark fremdsprachiges Material bekommen haben und sehr dankbar für unser zur Verfügung gestelltes waren.
NZ: Wir haben große Erfahrungen gemacht, wo unsere Grenzen sind, wo es zu stark ins Soziale geht und wo wir uns auch als Museum zurücknehmen sollten.

CS: Wie passt für euch Feuerwehr und Migration zusammen?
AWM: Die Frage wird sich stellen, inwieweit sich die Feuerwehr selbst öffnen wird, um als Organisation mit den Zuwanderinnen und Zuwanderern in Kontakt zu treten. Wir können nur von außen beobachten und keinen direkten Einfluss darauf nehmen. Was wir allerdings tun können, ist auf die allgemeine Sicherheit hinzuweisen. Informationen weiterzugeben ist das Wichtigste. Dinge, die für uns im Alltag normal sind, sind zum Teil sehr große Hürden. Wie es mit der Feuerwehr weitergeht, ist eine Frage, die wir uns selbst auch stellen. Es wird sich zeigen, inwieweit sie das Projekt aufnehmen und in anderen Gemeinden weiterführen. Außerdem können wir immer wieder helfende Hände brauchen, gerade beim Ausstellungsauf- und abbau. Aber wir warten noch ab, wie sich die Diskussion rund um die Bezahlung entwickelt.

Carina Schöfl, Studierende an der FH Joanneum “Ausstellungsdesign”


Fotos:  Steirisches Feuerwehrmuseum

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