Erstellt am 4. November 2016

Barrierefrei im Haus der Musik, Wien

01. Oktober 2016 – Wien, Lange Nacht der Museen, massig Menschen unterwegs. Als besondere Veranstaltung gab es ein breites Angebot im Bereich der Barrierefreiheit im Haus der Musik, Wien. Das Haus hatte hierfür zwei besondere Führungen ausgeschrieben, die sehr zahlreich besucht wurden. Zum einen war dies eine Spezialführung für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen und zum anderen eine für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen.

An Zweiter durfte ich teilnehmen und Mitglied einer sehr dynamischen Gruppe werden. Die Führung war sowohl für die Besucher/innen als auch für die Vermittlerin Elisabeth Bauer eine neue Erfahrung.
Beim Haus der Musik denkt man vermutlich daran, dass ohnehin alles mit den Ohren wahrgenommen wird – Musik eben. Aber dem ist nicht so. Das Haus selbst ist es Wert mit Worten beschrieben zu werden. Die einzelnen Räume, Wände und Ausstellungsstücke sind für sehende Menschen leicht zu erfassen, jedoch müssen diese für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen erklärt werden. Für sehende Menschen ist es nicht immer einfach etwas so transparent darzustellen, dass dies in der Vorstellung eines anderen auch Sinn ergibt. Elisabeth Bauer hat dies so gekonnt erklärt, sodass auch ich eine andere Wahrnehmung vom Raum erhielt, die ich zuvor gar nicht erwartet hätte.
Mit der Zeit verließ auch ich mich ganz auf die Stimme von Elisabeth Bauer, so wie es alle anderen Gruppenteilnehmer/innen auch taten, und wurde so von Raum zu Raum geführt. Eine so große Gruppe zu bändigen ist nicht immer leicht, aber mit der Erfahrung, die die Vermittlerin als Kindergärtnerin und Horterzieherin hat, gelang es ihr die – hinsichtlich Alter und Interesse – uneinheitliche Gruppe, durch das Museum zu leiten. Zwei Stunden lang lauschten die Besucher/innen der Stimme von Elisabeth Bauer, die hin und wieder mit einer sehr gekonnten Gesangseinlage die Stimmung noch zusätzlich aufheiterte – nicht schwierig als ausgebildete Opernsängerin.

Für mich war eine solche Führung eine ganz neue Erfahrung. Ich habe neue Sichtweisen kennengelernt, die ich bei einer Führung mit sehenden Menschen nicht entdeckt hätte. Die Gruppe äußerte andere Bedürfnisse gegenüber der Vermittlerin, so waren etwa Bereiche, in denen man etwas fühlen konnte interessanter als solche, in denen nur erklärt wurde. Ebenso interessant für mich zu erfahren war, dass man als Teil dieser Gruppe von den anderen Museumsbesucher/innen anders wahrgenommen wird. Ich bemerkte, dass um uns herum leiser gesprochen wurde und, dass viele einen größeren Abstand hielten, um uns nicht zu stören.
Nach der Führung hatte ich kurz Zeit für ein Gespräch mit Elisabeth Bauer, Kunst- und Kulturvermittlerin im Haus der Musik und Leiterin des Programms für barrierefreie Führungen.

CS: Seit wann werden barrierefreie Führungen bei Ihnen im Haus angeboten und wie ist es dazu gekommen? Wie ist auch das Feedback bisher? Werden diese angenommen?
EB: Barrierefreie Führungen (für Blinde/Sehbehinderte und Gehörlose) gibt es eigentlich schon ca. 5 Jahre, aber es wurde selten in Anspruch genommen. Erst mit dieser „intensiven“ Bewerbung (z. B. den Pressetermin, den wir Ende September hatten) bzw. mit den Sponsoring von Casinos Austria ist es uns nun möglich, die Führungen gratis anzubieten. Da nun dieses Thema das erste Mal in der Durchführung zur Gänze im Musikvermittlungsteam liegt, ist es uns nun auch viel besser gelungen, Partner in Beratung und Coaching hinsichtlich Führungen zu holen – etwa von Blindeninstituten bzw. Gehörlosenverbänden, was wiederum die Qualität unsererseits und die Transparenz nach außen zum positiven verändern sollte.
Die Führungen, die wir in dieser Hinsicht machen – auch wenn es in der Vergangenheit nicht so viele waren, kommen immer sehr gut an.

CS: Habt ihr auch vor, Leichte Sprache o. ä. weitere barrierefreie Angebote zu integrieren?
EB: Wir sind bemüht für diverse Zielgruppen Führungen anzubieten, z. B. machen wir auch regelmäßig Führungen für Menschen mit geistigen Behinderungen. Je nach dem, wer uns anfragt, sind wir bemüht das Wort „Barrierefrei“ auch im Museum zu leben. Wir sind gerade dabei einige Beschriftungsschilder im zweiten Stock auszutauschen und möchten im Zuge dessen auch die Brailleschrift integrieren.

CS: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
EB: Für die Zukunft hoffe ich, dass das, was wir nun intensiv begonnen haben, Früchte trägt und Blinde/Sehbehinderte und Gehörlose das „Haus der Musik“ auch als Bereicherung für ihr Leben sehen können, so wie viele andere „Stammgäste“, die keine körperlichen Beeinträchtigungen haben und unser Museum regelmäßig besuchen.

Ab vier Personen werden Führungen individuell angeboten. Es gibt hierfür keine fixen Zeiten, da diese nach Bedarf abgehalten werden. Bei Interesse und Fragen freut sich Elisabeth Bauer auf Kontaktaufnahmen.

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