Erstellt am 12. Oktober 2016

Unter fremdem Himmel. Aus dem Leben jugoslawischer Gastarbeiter/innen

Seit September ist im Volkskundemuseum in Wien eine Ausstellung vom Verein JUKUS zu sehen, die anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Anwerbeabkommen entstand. Die Ausstellung „Unter fremdem Himmel“ wurde von Joachim Hainzl und Handan Özbaş kuratiert und von angehenden Ausstellungsdesignerinnen und -designern aus Graz gestaltet. Marie Stoiser, Dominik Pfeifer, Laetitia Korte und Veronika Ablinger arbeiteten ein halbes Jahr lang gemeinsam an der gestalterischen Umsetzung dieser Ausstellung.

In enger Zusammenarbeit entstand diese Wanderausstellung, die nach ihrem Besuch in Wien weiter nach Graz (10. November 2016 bis 7. Jänner 2017, Museum im Palais) und Klagenfurt (18. Jänner bis 10. Februar 2017, Architektur Haus Kärnten) reisen wird. Zu sehen sind Geschichten von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern aus dem ehemaligen Jugoslawien, die von Österreich ab 1966 angeworben wurden. Dabei wird der Fokus besonders auf biographische Darstellungen gelegt. Die Gestaltung dieser ist sehr persönlich und konzentriert sich unter anderem auf die Geschichten und Schicksale von Einzelpersonen.

„Unter fremdem Himmel“ zeigt die Situation in den 1970er-Jahren in Österreich für Arbeitsmigrantinnen und -migranten auf. In Österreich herrschte Arbeitskräftemangel, der durch die Anwerbung von Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem damaligen Jugoslawien ausgeglichen wurde. Diese Menschen leisteten einen erheblichen Beitrag zur Errichtung von Autobahnen, der Wiener U-Bahnen, der UNO-City in Wien und zahlreicher anderer Bauten. Die Migrantinnen und Migranten gründeten auch eigene Sport- und Kulturvereine, es gab sogar eine eigene Fußballliga. Sie unterstützen außerdem nachkommende Migrantinnen und Migranten bei ihrer Integration, indem sie ihnen bei rechtlichen und alltäglichen Problemen zur Seite standen.
Ein weiterer Fokus der Ausstellung richtet sich auf die hohe Zahl an Netzwerken, Aktivitäten und die Zusammenarbeit mit österreichischen Einrichtungen, wie Bildungseinrichtungen und Kirchen.

Die Gestaltung der Ausstellung wurde sehr schlicht gehalten, um diese leicht transportieren und an die unterschiedlichen Räumlichkeiten anpassen zu können. Durch die Verwendung von Papier und Fichte wird nicht vom wesentlichen Inhalt der Ausstellung abgelenkt. Die Vitrinen wurden mit Acrylglas gestaltet. Der modulhafte Charakter lässt sich leicht in jeden beliebigen Raum integrieren.

Die Ausstellung ist noch bis zum 16. Oktober 2016 in den Räumlichkeiten des Volkskundemuseums Wien zu sehen. Begleitend dazu gibt es regelmäßige Stadtrundgänge mit Zeitzeugen, Diskussionen und Führungen im Haus.
Carina Schöfl im Interview mit den Kuratoren Handan Özbaş und Joachim Hainzl:

Carina Schöfl (CS): Wie kam es zur Idee für die Ausstellung „Unter fremden Himmel“?
Handan Özbaş (HÖ): Nachdem der Verein JUKUS bereits 2014 sehr erfolgreich eine Wanderausstellung konzipiert hatte zur 50. Wiederkehr der Anwerbeabkommens Österreichs mit  der Türkei, war es naheliegend, unsere Kompetenzen und Erfahrungen auch in das heurige Jahr (50 Jahre Anwerbeabkommen mit dem ehemaligen Jugoslawien) einzubringen. Dabei können wir wieder auf das wissenschaftliche Kernteam zurückgreifen und für die erste Station der Wanderausstellung konnte – wie schon 2014 – wiederum das Volkskundemuseum Wien gewonnen werden. Der Reiz der diesjährigen Ausstellung lag daher in der Weiterentwicklung unserer im Projekt „Avusturya! Österreich!“ gesammelten Erfahrungen sowie auch in der Neugierde, zu erforschen, wo sich die Arbeitsmigrationen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien unterschieden haben bzw. wo es strukturelle Gemeinsamkeiten gab. Und es geht darum dass es immer noch eine fehlende gesellschaftliche und öffentliche Anerkennung gibt für die Leistungen der so genannten „Gastarbeiter“ bei Ausbau unserer Infrastruktur und Wohlstandes.

CS: Wie lange dauerten die Vorbereitungen für die Ausstellung?
Joachim Hainzl (JH): Die ersten konzeptionellen Vorbereitungen starteten bereits kurz nach Beginn der letzten Wanderausstellung 2014. Und gestalteten sich nicht immer wie erwartet, etwa was die Zugangsmöglichkeiten zu Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie zu Leihgeberinnen und Leihgebern betrifft. Trotz der langen Vorbereitungszeit muss man daher immer gewappnet sein, dass sich noch recht kurz vor einer Ausstellungseröffnung neue Informationen und Geschichten auftun.

CS: Wie verlief die Zusammenarbeit mit den Studierenden der FH Joanneum?
HÖ: Nach den Erfahrungen der ersten Wanderausstellung und auch angesichts dem Wissen um andere Ausstellungsprojekte, welche unter Mitarbeit von FH-Studierenden erfolgreich umgesetzt wurden, war es unser Wunsch, unsere Ausstellung durch neue, frische Ideen gestalterisch neu zu denken. Insofern war die Einbeziehung der Grazer Studierenden eine große Bereicherung für unser Projekt und Team.

CS: Was bedeutet für Sie Migration?
JH: Migration ist ein Phänomen, das uns seit Beginn der Menschheitsgeschichte begleitet und durch Austausch und Begegnungen immer wieder zur gesellschaftlichen Entwicklung beiträgt. In unserem Projekt zur Arbeitsmigration aus dem ehemaligen Jugoslawien ist es uns daher sehr wichtig, auch Denkanstöße zu geben rund um aktuelle Themenstellungen in Bezug auf Migration und ein herausforderndes aber gelingendes Zusammenleben in Vielfalt. Denn die Berichte vor allem von jenen, welche hier in Österreich als so genannte „Gastarbeiterkinder“ sozialisiert wurden, zeigen, dass ein Mehr an positiver Teilhabe möglich gewesen wäre, aber auch, dass es neben Rassismen und Diskriminierungen immer wieder positives zivilgesellschaftliches Engagement gegeben hat, sei es auf privater inividueller Ebene oder im Bereich von unterstützenden Organisationen.

Carina Schöfl, Studierende an der FH Joanneum “Ausstellungsdesign”


Fotos (vlnr):  Ausstellungsansicht (Foto: Marie Stoiser), Klub Jedinstvo (Wien) (Foto: Verein Jukus), Beitragsvorschau: Niko und Zorica Mijatović (Foto: Verein Jukus)

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