Erstellt am 31. August 2016

UMF im UMJ – Menschen in Zeit und Raum

Das Ergebnis des Projekts „UMF im UMJ“ ist derzeit in den Räumlichkeiten des Archäologiemuseums in Eggenberg zu sehen. Durch die Idee von Projektleiterin Silvia Renhart und die Unterstützung von Abteilungsleiter Karl Peitler ist dieses Projekt zu einem Vorzeigeprojekt im Bereich Migration und Museum in Österreich geworden. UMF sind unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge.
Silvia Renhart hat Anthropologie, Ethnologie und Ur- und Frühgeschichte studiert, lange Zeit im Museums-, Ausstellungs- und Vermittlungsbereich in Südtirol gearbeitet und ist seit März diesen Jahres Mitarbeiterin in der Abteilung Archäologie & Münzkabinett am Universalmuseum Joanneum. Carina Schöfl hat sie zum Interview gebeten.

CS: Wann ist Ihnen erstmals die Idee zu diesem Projekt gekommen?
SR: Ich habe in den letzten Jahren im Land Steiermark als Leiterin des Fachteams Erwachsenenbildung immer wieder mit dem Thema „Flüchtlinge“ zu tun gehabt. Auch während meiner Zeit in Südtirol war ich immer wieder mit Themen wie Forschung, Bildung, Vermittlung, Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen in Museen und an Kultur befasst. Auch möchte ich gerne Forschungsergebnisse auch „nach außen“ tragen. Denn ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht doch auch darin, Wissen und somit auch Bildung weiterzugeben –und zwar an alle Bevölkerungsteile. Dazu gehört auch, Verantwortung – vor allem in dieser gesellschaftlich so fordernden Zeit – zu übernehmen, dies jedoch mit dem Bewusstsein, dass jede Gruppe ihre besondere Ansprache braucht. Diesen Überlegungen entsprang die Idee im Universalmuseum Joanneum so ein Projekt anzustoßen. Mit alea Lernforum haben wir (Karl Peitler war sogleich begeistert dabei – wie überhaupt alle der Teams Kunst- und Kulturvermittlung und Archäologie) in unserer unmittelbaren Nachbarschaft auch gleich einen guten Projektpartner gefunden.

CS: Wie waren die Schritte bis hin zum fertigen Projekt?
SR: Zuerst einmal habe ich mit dem Team von alea Lernforum Kontakt aufgenommen und erste Ideen unterbreitet. Nachdem alle dafür waren und das gerne gemeinsam mit uns machen wollten, stellte sich die Frage, wo können wir diese Jugendlichen abholen? Sie verfügen alle über ein „spezielles“ Vokabular. Viele der Jugendlichen sind Analphabeten, andere wiederum haben einen Abschluss, der mit unserer Matura vergleichbar ist und wieder andere waren noch nie in einem Museum – übrigens die meisten, wie sich herausstellte. Der erste Schritt war also das Erstellen eines Museums-Archäologie-Glossars für einen sehr niederschwelligen Zugang. Es stellte eine Grundbedingung dar, um richtig verstanden zu werden und allen Teilhabe zu ermöglichen. Das Glossar habe ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen besprochen und erweitert. Dieses Glossar haben die Trainer/innen bei alea in ihren Unterricht miteinbezogen, bevor wir im Rahmen der zweiten Projektphase persönlich in den Unterricht gekommen sind und die Jugendlichen kennengelernt haben.

CS: Wo sind die Jugendlichen her und wie alt sind sie?
SR: Sie sind zwischen 15 und 19 Jahre alt und stammen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Somalia, Iran. Bei den 40 Teilnehmer/innen beim Projekt handelt sich um zwei Mädchen aus Syrien und 38 Burschen, die sich unter den unglaublichsten Bedingungen bis nach Österreich durchgeschlagen haben.

CS: Wie ging das Projekt weiter?
SR: Nachdem wir am Unterricht teilnehmen und ihn auch gestalten durften, haben wir die Jugendlichen zu uns ins Archäologiemuseum zu einem Kultur-Gesprächs-Spaziergang eingeladen. Dabei haben wir verschiedene Hands-on-Stationen vorbereitet. Sie konnten Figuren aus Salzteig herstellen, „Steckerlbrot“ backen, dabei hat gleich einer geschickt die Führung übernommen und prompt Fladenbrot gebacken. Sie konnten Bildcollagen mit Fotografien aus der Heimat anfertigen. Die Fotos haben sie alle ihrem Smartphone entnommen und diese auch mit Fotos und Bildern aus Österreich in Verbindung gesetzt. Im Nachhinein wurde gemeinsam mit den Jugendlichen der Museumsbesuch reflektiert und über Ähnlichkeiten und/oder Unterschiede der Kulturen gesprochen. Die Statements und Feedbacks haben wir auch in die nachfolgende Ausstellung in Form von Sprechblasen mit aufgenommen. Am 8. Juli 2016 haben bei uns im Archäologiemuseum die Abschlussfeier und die Zeugnisüberreichung stattgefunden.

CS: Das war gleichzeitig die Ausstellungseröffnung?
SR: Ja, genau. Wir haben die Ausstellungseröffnung und die Abschlussfeier einfach kurzentschlossen kombiniert. Und den Teilnehmenden wurde eine Urkunde zum Abschluss des Deutsch- und Integrationskurses feierlich überreicht. Bei der Überreichung haben alle unglaublich gestrahlt, für viele war es das erste Zeugnis in ihrem Leben. Es wurden sehr viele Fotos gemacht und stolz in die alte Heimat geschickt. Drei Buben haben sogar ein afghanisches Gedicht vorgetragen und einige haben sich vor dem Publikum mit einer kleinen Rede auf Deutsch bedankt. Freude und Rührung wechselten sich so ab.

CS: Wie lange kann die Ausstellung im Museum noch besichtigt werden?
SR: Bis Ende Oktober 2016 haben wir noch geöffnet und bis dorthin kann zu den Öffnungszeiten des Museums auch diese Ausstellung besucht werden. Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und daher aus sehr einfach montierbaren Teilen gestaltet. Denn ich möchte gerne, dass diese Ausstellung – das Projekt überhaupt – auch als Anregung für andere Museen sowie Kultur- und Bildungsinstitutionen dient, die mit Flüchtlingen arbeiten und arbeiten wollen. Zudem ist das Projekt mit allen Details als kleines Booklet soeben publiziert worden und bei uns erhältlich: Menschen in Zeit und Raum. Das Archäologiemuseum als Ort des interkulturellen Lernens – Dokumentation eines Projekts mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF) im Universalmuseum Joanneum (UMJ), Graz 2016.

Fotos (vlnr): Maya und Haya aus Syrien beim Gestalten von Collagen, Rundgang röm. Körperpflege, Schönheit: Führung im Archäologiemuseum, Ausstellungsbereich im Archäologiemuseum  (UMJ/Archäologie & Münzkabinett)

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Für diesen Beitrag wurden ergänzende Dateien hinterlegt:

In der ausführlichen Projektdokumentation kann man auch das Glossar nachlesen!