Erstellt am 14. Juni 2016

Sammelaktion zu Migration in Tirol

Unter dem Titel „Migrationsgeschichte in Tirol“ startete im März eine Sammelaktion in Innsbruck und den Tiroler Gemeinden. Die Aktion wird von der Initiative des Zentrums für MigrantInnen in Tirol (ZeMiT) und der Tiroler Landesmuseen geleitet und unterstützt.
Gesammelt wird dabei alles, das etwas mit Migration in Tirol zu tun hat. Jede/r ist eingeladen, Objekte, die sie/ihn an Zuwanderung erinnert, an das ZeMiT oder die Tiroler Landesmuseen zu geben. Dabei können die Gegenstände geliehen oder den Einrichtungen geschenkt werden. Das Wichtigste sind aber die Geschichten der Objekte. Jede/r, die/der etwas schenkt oder leiht, soll vor allem über Erlebnisse und Erfahrungen berichten.

Carina Schöfl: Die Sammelaktion läuft bereits seit einigen Monaten. Wie sind die bisherigen Rückmeldungen?

Christina Hollomey-Gasser (CHG), ZeMiT: Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Wir waren allerdings durch unsere bisherigen Erfahrungen und die Erfahrungen ähnlicher Projekte aus Wien oder Vorarlberg darauf vorbereitet, dass wir keinen Massenansturm erwarten dürften, sondern das Sammeln sehr zeitintensiv ist und einen persönlichen Kontakt voraussetzt. Diese Annahme hat sich bestätigt. Daher investieren wir viel Zeit und Energie darin, potenzielle Zeitzeuginnen und Zeitzeugen persönlich anzusprechen. Besonders wichtig sind hierfür Brückenpersonen unsere Kooperationsgemeinden Telfs und Imst. Dort übernehmen die Integrationskoordinatorinnen Edith Hessenberger und Kirsten Mayr viel Kontaktarbeit vor Ort. Auch Vereine von Migrantinnen und Migranten sowie das Beratungsteam von ZeMiT sind zentral für den Erfolg dieser Arbeit.

CS: Wie gut funktioniert die Abwicklung und Akquirierung der Leihgaben und Geschenke?
CHG: Die Annahme von Objekten findet meist nach einem vereinbarten Termin beim ZeMiT oder zuhause bei den Zeitzeuginnen/-zeugen statt. Die Annahme funktioniert sehr gut. Dabei werden einerseits die Daten zu den Objekten aufgenommen, andererseits geht es aber darum, die Geschichte der Objektgeber/in einzufangen. Ohne diese Geschichte sind die Objekte wertlos.
Bemerkenswert ist, dass sich die Menschen nur sehr schwer von ihren Objekten trennen. Viele der Dinge sind ganz persönliche Erinnerungsstücke, die man nicht gerne aus der Hand gibt. Daher haben wir bisher fast nur Leihgaben erhalten. Doch auch hier gilt es, weiter Vertrauensarbeit zu leisten und den Kontakt bis zur Ausstellung aufrecht zu erhalten.

CS: Welche besonderen Objekte haben Sie bisher bekommen?
CHG: Man darf sich hier keine „spektakulären“ oder materiell wertvollen Objekte erwarten. Es sind Gegenstände des Alltags, die wir suchen – und auch finden. Die dazugehörige Geschichte macht diese Objekte lebendig. Es geht darum, auch die Gefühle und Emotionen, die Entbehrungen und Hoffnungen, die mit Migration verbunden sind, aufzuzeigen; die ganz alltäglichen Prozesse des Heimat Schaffens.
Ein ganz besonderes Objekt ist bspw. das Arbeitsgewand von Herrn Ivanovi (Foto 1), das er über Jahre aufbehalten hatte.

Arbeitskleidung Firma Herrburger und Rhomberg, 1969
von Slavko Ivanović
Bei der Hose und dem Hemd handelt es sich um die Arbeitskleidung von Slavko Ivanović, der zwischen 1969 und 1983 bei der Firma Rhomberg arbeitete. Später wechselte er zu den Textilfirmen Baur Foradori und Tiroler Loden. Slavko Ivanović kam 1969 aus der damaligen Sozialistischen Förderativen Republik Jugoslawien nach Tirol. Er war in der Akkordarbeit tätig. Produktionsfehler wurden ihm vom Lohn abgezogen.

Informationen zum Sammelaufruf und den begleitenden Veranstaltungen finden sich auf der Website www.wirsammelnmigration.at.


Beitragsbild: Wörterbuch eines jungen Migranten aus der Türkei, 1980er Jahre (Foto: Gerhard Berger)
Foto 1 (v.l.n.r.): Arbeitskleidung von Slavko Ivanović (Foto: ZeMiT)
Foto 2: Anstecker, gesammelt von Mitgliedern des Vereins Bratstvo zwischen 1980 und 1988 (Foto: Gerhard Berger)
Foto 3: Wolfgang Meighörner (Direktor Tiroler Landesmuseen), Karl C. Berger (Leiter Tiroler Volkskunstmuseum), Gerhard Hetfleisch (Geschäftsführer des Zentrums für MigrantInnen in Tirol und Leiter des Dokumentationsarchivs Migration Tirol), Filiz Calayır (Zeitzeugin), Christine Baur (Landesrätin für Soziales) (Foto: Wolfgang Lackner)

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